Es ist ein vertrautes Bild an warmen Augusttagen: Der Hund spurtet los, taucht ins hohe Gras ein und verschwindet für einen Moment zwischen goldenen Ähren. Was nach unbeschwerten Sommerfreuden aussieht, kann für Vierbeiner binnen weniger Stunden zur ernsthaften Gefahr werden. Denn in den Monaten Juni bis August haben Grannen — die borsten- und fadenförmigen Anhängsel an Getreideähren von Weizen, Gerste und Hafer — ihren gefährlichsten Höhepunkt.
Die Tierschutzstiftung Vier Pfoten hat bereits in einer Pressemitteilung aus dem Jahr 2024 vor den Risiken gewarnt, die von diesen winzigen Pflanzenteilen ausgehen. Und auch die Tierregistrierungsorganisation Tasso macht darauf aufmerksam, dass nicht nur Hunde, sondern ausdrücklich auch Katzen durch Grannen gefährdet sind. Die entscheidende Frage lautet: Wie erkennen Tierhalter das Problem rechtzeitig — und was ist dann zu tun?
Was Grannen so gefährlich macht: Widerhaken, die nicht loslassen
Eine Granne ist keine harmlose Pflanzenfaser. Sie ist mit mikroskopisch kleinen Widerhaken besetzt, die sich im Fell eines Tieres verankern. Sobald das passiert ist, gibt es nur eine Richtung, in die sie sich bewegt: tiefer ins Gewebe hinein. Jede Körperbewegung des Tieres treibt die Granne weiter voran — ein Mechanismus, den die Pflanze zur Verbreitung ihrer Samen entwickelt hat, der aber für Hunde und Katzen fatale Folgen haben kann.
Hat sich eine Granne erst einmal in die Haut gebohrt, entstehen laut Vier Pfoten Infektionen, Entzündungen und Abszesse an der betroffenen Stelle. Besonders tückisch ist, dass das Tier den Fremdkörper nicht immer sofort durch sein Verhalten anzeigt. Bis Symptome sichtbar werden, kann die Granne bereits tief im Körper sitzen.
Wenn Grannen wandern: Lebensbedrohliche Wege durch den Körper
Das Einbohren in die Haut ist nicht das einzige Risiko. Hunde und Katzen nehmen Grannen auch über Nase, Mund und Ohren auf — manchmal beim Schnüffeln, manchmal beim Putzen des Fells. Was dann passiert, beschreibt Vier Pfoten eindringlich: Eine eingeatmete Granne kann über die Nase bis ins Gehirn oder in die Luftröhre gelangen. Das ist akut lebensbedrohlich.
Eine Granne, die ins Ohr gelangt, kann eine Mittelohrentzündung oder einen Trommelfellriss verursachen. Im Auge droht schlimmstenfalls die Erblindung. Gelangt sie in den Magen-Darm-Trakt, kann sie dort innere Verletzungen anrichten. Das klingt extrem — ist es aber nicht selten, wenn Tierhalter die Sommermonate unvorbereitet verbringen.
Diese Symptome verraten einen Grannenbefall bei Hund und Katze
Wer weiß, wonach er sucht, kann früh eingreifen. Vier Pfoten nennt folgende Warnsignale, je nach betroffener Körperstelle:
- Ohr: Das Tier schüttelt wiederholt den Kopf, hält ihn schräg, kratzt sich am Ohr; Flüssigkeit oder ungewöhnlicher Geruch treten auf.
- Nase: Häufiges Niesen, Nasensekret oder Blutaustritt, sichtbare Schmerzen, gelegentlich Atemprobleme.
- Auge: Blinzeln, Reiben des Auges mit der Pfote, Tränenfluss, Lichtempfindlichkeit.
- Pfote oder andere Hautstelle: Intensives Lecken und Beißen, Humpeln, sichtbares Loch, Ausfluss oder Schmerzanzeichen.
- Luftröhre und Lunge: Anhaltender Husten, Kurzatmigkeit, Auswurf — hier ist der sofortige Gang zur Tierarztpraxis zwingend erforderlich.
Zeigt die Katze nach einem Freigang eines dieser Zeichen, empfiehlt Tasso, das Tier umgehend genau zu untersuchen und bei Unklarheit direkt tierärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Hund und Katze vor Grannen schützen: Was Tierhalter jetzt tun sollten
Der sicherste Schutz ist, Hunde von Juni bis August nicht durch hohes Gras oder Getreidefelder laufen zu lassen — darauf weist Vier Pfoten ausdrücklich hin. Das ist in der Praxis nicht immer vollständig umsetzbar, lässt sich aber durch konsequente Routinen deutlich entschärfen.
Nach jedem Spaziergang gehört eine gründliche Kontrolle zur Pflicht. Besonders aufmerksam sollte man dabei an folgenden Stellen sein: Ohren, Augen, Nase, Mund, Achselhöhlen, Pfoten mit den Zwischenzehenräumen sowie die Genitalregion. Das Fell kurz zu halten — gerade an den Pfoten — verringert die Angriffsfläche für Grannen erheblich. Tasso weist darauf hin, dass das auch von Tiermedizinerinnen und Tiermedizinern übernommen werden kann. Zusätzlich hilft regelmäßiges Ausbürsten der Unterwolle. Wer Gräser mit Grannen im eigenen Garten entdeckt, sollte diese vollständig entfernen — mitsamt der Wurzel.
Granne entdeckt: So reagiert man richtig
Sitzt eine Granne noch oberflächlich in der Haut, lässt sie sich mit einer Pinzette vorsichtig entfernen. Wichtig: dabei ruhig und ohne Zug arbeiten, damit die Granne nicht abbricht und ein Teil im Gewebe verbleibt.
Ist die Granne bereits tiefer eingedrungen oder lässt sie sich nicht vollständig entfernen, führt kein Weg an der Tierarztpraxis vorbei. Dort kann die Granne professionell entfernt werden; je nach Schwere der Verletzung kommen entzündungshemmende Mittel, Schmerzmittel oder Antibiotika zum Einsatz. In bestimmten Fällen sind weitergehende medizinische Eingriffe notwendig. Das gilt auch dann, wenn das Tier auffällige Symptome zeigt, aber keine Granne sichtbar ist — denn der Fremdkörper kann schon auf dem Weg ins Körperinnere sein.
Granne im Garten: Wann die eigene Terrasse zur Gefahrenzone wird
Wer glaubt, sein Tier sei im eigenen Garten sicher, irrt möglicherweise. Wildgräser wie Gerste oder Trespe wachsen auch in Beeten, an Wegrändern und in Rasenflächen. Vier Pfoten und Tasso raten, den Garten regelmäßig auf solche Pflanzen zu kontrollieren und sie konsequent zu entfernen — immer mit der Wurzel, damit sie nicht wieder austreiben. Ein kurz gemähter Rasen bietet deutlich weniger Angriffspunkte als ein wilder, hoher Bewuchs. Wer eine Freigängerkatze hat, kann den eigenen Außenbereich so zu einer echten Schutzzone machen.
Die Hochsaison der Grannen dauert noch bis Ende August — genug Zeit, um die tägliche Abendrunde bewusst anders zu planen als bisher.



