Lipoprotein(a)-Test: Warum dieser eine Bluttest dein Herzinfarktrisiko enthüllt

Du sitzt beim Hausarzt, der Blutbefund liegt auf dem Tisch — Cholesterin, Blutzucker, Schilddrüse. Alles routinemäßig. Was fehlt, ist ein Wert, der bei 20 bis 30 Prozent aller Menschen schlicht zu hoch ist und trotzdem so gut wie nie gemessen wird: Lipoprotein(a). Kein exotischer Spezialwert, sondern ein handfester Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall.

Das Tückische daran: Wer einen erhöhten Lipoprotein(a)-Wert hat, merkt es nicht. Keine Beschwerden, kein Warnsignal. Die einzige Möglichkeit, es zu wissen, ist ein einfacher Bluttest — der in vielen Fällen weniger als 25 Euro kostet. Warum der Wert dennoch kaum bekannt ist, was er bedeutet und was man tun kann, wenn er aus dem Ruder läuft, erklärt dieser Artikel.

Was Lipoprotein(a) überhaupt ist — und warum es so wenig bekannt ist

Lipoprotein(a) ist ein Bestandteil des Blutes, der in seinem Grundaufbau dem sogenannten schlechten LDL-Cholesterin ähnelt. „Es ist wie das ‘schlechte’ LDL-Cholesterin aufgebaut”, sagt Anja Vogt, Fachärztin für Innere Medizin und stellvertretende Vorsitzende der DGFL – Lipid-Liga. Der entscheidende Unterschied: An das Lipoprotein ist zusätzlich ein Eiweiß gebunden, das Apolipoprotein(a).

Lipoproteine lassen sich laut der Fachgesellschaft wie „Lasttaxis” vorstellen — sie transportieren Fett und fettähnliche Substanzen durch das Blut. Wie viel Lipoprotein(a) dabei unterwegs ist, bestimmt die Genetik, nicht der Lebensstil. Weder Ernährung noch Sport können diesen Wert nennenswert beeinflussen. „Wahrscheinlich hatte Lipoprotein(a) einst eine physiologische Rolle, brachte vielleicht sogar einen evolutionären Vorteil, heute allerdings hat es keinen bekannten Nutzen”, so Vogt.

Herzinfarkt, Schlaganfall, Gefäßverschluss: Wie Lipoprotein(a) Arterien schädigt

Wenn zu viel Lipoprotein(a) im Blut zirkuliert, lagert es sich genau wie LDL-Cholesterin in die Arterienwände ein. „Kommen noch weitere Risikofaktoren dazu, wie beispielsweise Rauchen, verstärkt sich dieser Effekt”, sagt Anja Vogt. Die Folgen dieser Ablagerungen sind konkret: erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und die periphere arterielle Verschlusskrankheit — also Durchblutungsstörungen in den Beinen.

Dabei bleibt es nicht. „Letztlich kann jede Arterie davon betroffen sein, zum Beispiel in der Niere, oder auch die Aortenklappe”, erklärt Vogt. Hinzu kommt: Lipoprotein(a) wirkt entzündungsfördernd. Und laut Norbert Smetak, erstem Vizepräsident des Berufsverbands Deutscher Internistinnen und Internisten (BDI), gilt: „Bei einem höheren Wert bilden sich schneller Gerinnsel und lösen sich langsamer auf.”

Die Krankheitsverläufe sind dabei sehr unterschiedlich, wie die Deutsche Herzstiftung betont. Manche Menschen mit erhöhten Werten erleiden schon in vergleichsweise jungen Jahren schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse. Andere bleiben lange ohne jede Beschwerde.

Ab welchem Wert das Risiko steigt — und wie die Messung funktioniert

Es gibt zwei verschiedene Maßeinheiten, die nicht direkt vergleichbar sind. Norbert Smetak vom BDI gibt einen klaren Überblick:

  • Normalwert: unter 30 mg/dl oder unter 75 nmol/l
  • Moderates Risiko: 30–50 mg/dl oder 75–105 nmol/l
  • Erhöhtes Risiko: alles oberhalb von 50 mg/dl oder 105 nmol/l
  • Sehr hohes Risiko: ab 180 mg/dl oder ab 430 nmol/l

„Je höher der Wert, desto höher das Risiko”, fasst Smetak zusammen. Allerdings zählt immer das Gesamtbild. Wer gleichzeitig einen hohen LDL-Cholesterinwert oder Bluthochdruck hat, trägt ein deutlich erhöhtes Risiko — selbst wenn der Lipoprotein(a)-Wert nur mäßig erhöht ist.

Wer die Kosten übernimmt — und warum die Messung nur einmal nötig ist

Ob die gesetzliche Krankenkasse die Kosten übernimmt, hängt vom Einzelfall ab. Wenn in der Familie bereits Herzinfarkte oder Schlaganfälle aufgetreten sind, ist eine Kostenübernahme häufig möglich. In anderen Fällen muss man den Test selbst zahlen — die Kosten liegen je nach Labor in der Regel unter 25 Euro. Die Kostenfrage sollte man vorab mit dem behandelnden Arzt oder der Ärztin besprechen.

Und wie oft muss man sich messen lassen? Ein einziges Mal reicht aus. „Da die Größe des Lipoproteinpartikels zu großen Teilen genetisch bedingt ist, muss man ihn in der Regel nur einmal im Leben bestimmen lassen. So empfehlen es auch die Leitlinien”, sagt Anja Vogt, Leiterin der Lipidambulanz am LMU-Klinikum in München.

Erhöhter Wert — was jetzt konkret hilft

Den Wert zu kennen und dann resigniert die Schultern zu zucken, wäre die falsche Reaktion. Denn auch wenn Lipoprotein(a) selbst kaum beeinflussbar ist, lässt sich das Gesamtrisiko deutlich reduzieren. „Gesunde Ernährung, Verzicht auf Tabak und Alkohol, viel Bewegung und Muskeltraining sowie ein gesundes Körpergewicht verringern die Relevanz des Wertes enorm”, erklärt Anja Vogt.

Für Menschen mit sehr stark erhöhten Werten gibt es derzeit die Möglichkeit einer Lipidapherese — eine Art Blutwäsche, die jedoch aufwendig ist und nur in Extremfällen eingesetzt wird. Ist zusätzlich der LDL-Cholesterinwert erhöht, kommen Statine zum Einsatz. Sie senken zwar nicht das Lipoprotein(a) selbst, aber das Gesamtrisiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen spürbar.

Neue Medikamente in der Pipeline: Was Forschung und Kliniken erwarten

Es gibt Grund zur Hoffnung. „Medikamente, die gezielt Lipoprotein(a) senken können, befinden sich in der letzten Phase klinischer Studien”, sagt Norbert Smetak vom BDI. Wann genau solche Wirkstoffe in Deutschland zugelassen werden könnten, ist noch offen — die Ergebnisse der laufenden Studien werden in der Fachwelt mit erheblicher Spannung erwartet.

Bis dahin gilt: andere Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck, Diabetes und Bewegungsmangel so weit wie möglich minimieren und regelmäßig beim Arzt nachfragen, ob sich bei den Therapieoptionen etwas getan hat.

Scroll to Top