Ein lauter Sommerabend auf der Terrasse, das Fleisch brutzelt, die ersten Gäste sind da — und dann kommen sie. Nicht einzeln, sondern in Schwärmen. Wer in der Nähe eines Überschwemmungsgebiets wohnt, kennt den Moment, in dem man einfach aufgibt und das Grillgut nach drinnen trägt. Doreen Werner vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) in Müncheberg hat dafür sogar eine wissenschaftliche Schwelle: 20 oder mehr Stiche pro Minute gelten als Plage — und die wird in manchen Regionen Deutschlands inzwischen regelmäßig erreicht.
Während die Öffentlichkeit vor allem die Asiatische Tigermücke fürchtet, zeigen aktuelle Daten des Friedrich-Loeffler-Instituts und des Robert Koch-Instituts ein anderes Bild: Das West-Nil-Virus breitet sich durch ganz gewöhnliche heimische Stechmücken weit über Brandenburg und Berlin hinaus aus — mittlerweile bis nach Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Wer also denkt, er müsse nur exotisch aussehende Mücken meiden, liegt falsch.
Tigermücke auf dem Vormarsch — aber bislang ohne nachgewiesene Erreger
Die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus) wurde in Deutschland erstmals 2007 dokumentiert. Heute ist sie vor allem in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Rheinland-Pfalz verbreitet, mit Nachweisen auch in Thüringen und Berlin. Als potenzieller Überträger von Dengue-, Chikungunya- und Zika-Viren gilt sie vielen als das Schreckgespenst des deutschen Sommers.
Doch dieser Ruf übertrifft bislang die Realität. „Bei den invasiven Mückenarten waren bisher noch keine Würmer oder Viren nachweisbar”, sagt Doreen Werner, die zusammen mit dem Friedrich-Loeffler-Institut das Citizen-Science-Projekt Mückenatlas leitet. Zwar würden Tigermücken durch Güterverkehr und Reisende „praktisch ständig” aus Südeuropa eingeschleppt — für eine effiziente Virusübertragung bräuchten die Erreger jedoch Temperaturen, die über längere Zeiträume konstant hoch bleiben, und diese Bedingungen seien in Deutschland derzeit noch nicht gegeben.
Angesichts des Klimawandels mit früheren Hitzeperioden, mehr tropischen Nächten und milderen Wintern schließt Werner eine Änderung für die Zukunft aber ausdrücklich nicht aus. „Die Wahrscheinlichkeit liegt nicht mehr bei null.”
Heimische Hausmücke als tatsächlicher West-Nil-Überträger
Das weitaus konkretere Risiko geht von einem Tier aus, das niemanden mehr überrascht: der Gemeinen Hausmücke. Sie ist der zentrale Überträger des West-Nil-Virus in Deutschland — einer Erkrankung, die vor allem für ältere oder immungeschwächte Menschen gefährlich werden kann. Erstmals wurde das Virus im Spätsommer 2019 bei Menschen nachgewiesen, die sich hierzulande infiziert hatten.
Seitdem hat es sich ausgebreitet. Daten des Friedrich-Loeffler-Instituts und des Robert Koch-Instituts belegen, dass das Virus von seinen ursprünglichen Schwerpunkten Berlin und Brandenburg aus mittlerweile auch in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zirkuliert. Das ist keine abstrakte Warnung — es sind konkrete Bundesländer mit Millionen von Menschen, die in denselben Gärten sitzen wie immer.
Rheinschnake und Tigermücke: Wenn 20 Stiche pro Minute den Grillabend beenden
Neben dem Gesundheitsrisiko gibt es noch eine andere Dimension des Mückenproblems: die schiere Masse. Die Rheinschnake (Aedes vexans) ist eine heimische Überschwemmungsmücke, deren Larven sich nach Hochwasserereignissen in überschwemmten Wiesen und Auen massenhaft entwickeln. Sie legt dabei teils mehrere Kilometer zurück, um Wirte zu finden, und lässt sich — anders als die Hausmücke — kaum vertreiben.
„Beide Arten sind extrem penetrant und lästig”, sagt Werner über Rheinschnake und Tigermücke. Unter solchen Umständen, bei 20 und mehr Stichen pro Minute, sei schlicht „kein Grillabend mehr möglich.” Das ist nach wissenschaftlicher Definition der Punkt, ab dem von einer echten Plage gesprochen wird — und er wird inzwischen in Teilen Deutschlands regelmäßig erreicht.
Kriebelmücke und Gnitze: Unterschätzte Stiche mit ernsthaften Folgen
Zwei weitere Arten verdienen mehr Aufmerksamkeit als sie üblicherweise bekommen. Die Kriebelmücke saugt kein Blut durch einen feinen Rüssel, sondern reißt regelrecht einen kleinen Krater ins Unterhaut-Bindegewebe, bis sich ein Blutstropfen bildet. Der Stich selbst ist das eine — die möglichen Folgen sind das andere.
„Bei Kriebelmückenstichen gilt vor allem: Hände weg von der Hautöffnung”, warnt Werner. Selbst leichte Verunreinigungen durch Kratzen könnten teils ernste Sekundärinfektionen nach sich ziehen. Kriebelmücken leben und vermehren sich an sauerstoffreichen Fließgewässern.
Noch unscheinbarer ist die Gnitze: meist nur 1 bis 2 Millimeter groß, bleibt sie beim Stich völlig unbemerkt. Wer glaubt, ein Zelt biete Schutz, irrt: Gnitzen können sich aufgrund ihrer Winzigkeit selbst durch den dünnen Gaze-Stoff von Zeltplanen hindurchzwängen. Weltweit gibt es mehrere Tausend Gnitzen-Arten. Wie stark die Reaktion auf einen Stich ausfällt, hängt laut Werner immer vom eigenen Immunsystem ab — und vom Protein-Cocktail im Mückenspeichel, der bei unbekannten Arten stärkere Abwehrreaktionen auslösen kann.
Mückenatlas: Warum Bürgerdaten über das Ausbruchsrisiko entscheiden
Um gefährliche Populationen früh zu erkennen und einzudämmen, sind Forschende wie Werner auf die systematische Mitarbeit der Bevölkerung angewiesen. Der Mückenatlas läuft seit 2012 als gemeinsames Projekt des ZALF und des Friedrich-Loeffler-Instituts. Bürgerinnen und Bürger können dort gefangene Mücken einsenden, die wissenschaftlich bestimmt und auf Krankheitserreger untersucht werden.
Die Bilanz kann sich sehen lassen: Bislang haben in Deutschland rund 42.000 Teilnehmende mehr als 250.000 Stechmücken für die Forschung gefangen und eingeschickt. „Es gibt viel Unwissen und Falschinformationen, wenn es um das Thema Mücken geht”, sagt Werner. Neu entstandene Mückenpopulationen seien anfangs noch vergleichsweise einfach zu eliminieren — weshalb eine schnelle Meldung entscheidend sei.
Die wichtigsten Mückenarten, die in Deutschland derzeit überwacht werden:
- Gemeine Hausmücke (Culex pipiens): Hauptüberträger des West-Nil-Virus, weit verbreitet in ganz Deutschland
- Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus): potenzieller Dengue- und Chikungunya-Überträger, bislang ohne Erregernachweis in Deutschland
- Rheinschnake (Aedes vexans): heimische Überschwemmungsmücke, extrem stichfreudig, kein Virusüberträger, aber Plage-Potential
- Kriebelmücke: Fließgewässer-Art mit rissartiger Stichtechnik, Sekundärinfektionsrisiko
- Gnitze: Miniaturformat, dringt durch Zeltgaze, Tausende Arten weltweit
Ob das West-Nil-Virus seinen geografischen Radius in den kommenden Sommern weiter ausdehnt, wird maßgeblich davon abhängen, wie konsequent neue Mückenpopulationen gemeldet und kartiert werden — und wie warm die nächsten Winter ausfallen.



