Grannen bei Hunden und Katzen: Warum hohes Gras im Sommer lebensgefährlich werden kann

Es ist ein vertrautes Bild: Der Labrador schießt durch eine Sommerwiese, die Katze schleicht durchs kniehohe Gras am Wegesrand. Was nach unbeschwerten Tierfreuden aussieht, kann in diesen Wochen gefährlich enden — und zwar schneller, als die meisten Halter ahnen.

Der Übeltäter ist klein, leicht zu übersehen und äußerst hartnäckig: die Granne. Tierschutzorganisationen wie Vier Pfoten und Tasso warnen jedes Jahr aufs Neue vor diesen borsten- oder fadenförmigen Anhängseln an Getreideähren und Wiesenpflanzen — und erklären, warum ein unentdeckter Fremdkörper im schlimmsten Fall tödlich enden kann.

Was Grannen sind und warum Juni bis August die gefährlichste Zeit ist

Grannen sind die feinen, oft nadelspitzen Fortsätze an den Ähren von Weizen, Gerste, Hafer und vielen Wiesengräsern. Sie sind mit mikroskopisch kleinen Widerhaken besetzt — genau dafür gemacht, sich in Fell, Haut und Schleimhäute zu bohren. Und genau das tun sie, sobald ein Tier sie berührt.

Ihre Hochsaison liegt zwischen Juni und August, wenn das Getreide reift und die Wiesenpflanzen blühen. Wer in diesen Sommerwochen mit Hund oder Katze unterwegs ist, bewegt sich durch eine unsichtbare Gefahrenzone — auf Feldwegen, an Böschungen, in Parks mit ungepflegten Rasenflächen.

Wie Grannen in den Körper eindringen — und warum sie nicht von selbst herauswandern

Hat sich eine Granne erst einmal im Fell verfangen, gibt es für sie nur eine Richtung: tiefer. Laut Vier Pfoten treibt jede Körperbewegung des Tieres den Fremdkörper weiter in die Haut, weil die Widerhaken ein Zurückgleiten verhindern. Das macht Grannen so heimtückisch: Was beim Abtasten nach dem Spaziergang noch oberflächlich aussieht, kann sich innerhalb von Stunden in tiefere Gewebeschichten fressen.

Noch gefährlicher wird es, wenn Grannen über Körperöffnungen aufgenommen werden. Hunde und Katzen können sie einatmen, verschlucken oder durch die Ohren aufnehmen. Dann können die Pflanzenfragmente durch die Atemwege wandern, den Magen-Darm-Trakt passieren oder — im schlimmsten dokumentierten Fall — über die Nase ins Gehirn gelangen. Vier Pfoten bezeichnet diesen Verlauf ausdrücklich als lebensbedrohlich.

Diese Symptome zeigen, dass eine Granne steckt

Weil Grannen sich tief im Körper verbergen können, ist das Erkennen eines Befalls entscheidend. Vier Pfoten nennt folgende Warnsignale, geordnet nach der betroffenen Körperstelle:

  • Ohr: Wiederholtes Kopfschütteln, Schiefhalten des Kopfes, Kratzen am Ohr, Ausfluss oder ungewöhnlicher Geruch aus dem Gehörgang
  • Nase: Anhaltende Niesattacken, Nasenbluten, sichtbare Schmerzen, Atemnot
  • Auge: Blinzeln, Reiben des Auges mit der Pfote, starker Tränenfluss, Lichtempfindlichkeit
  • Pfote oder Haut: Intensives Lecken und Beißen an einer Stelle, Humpeln, sichtbare kleine Wunde oder Ausfluss
  • Luftröhre und Lunge: Anhaltender Husten, Kurzatmigkeit, Auswurf — hier ist sofortiger Tierarztbesuch zwingend

Tasso weist darauf hin, dass auch Katzen dieselben Anzeichen zeigen können — obwohl Freigänger oft erst spät beobachtet werden, wenn sie bereits Stunden draußen waren.

Lebensgefährliche Folgen: Was passiert, wenn Grannen zu lange unentdeckt bleiben

An der Pfote entstehen durch eingetretene Grannen häufig Abszesse, die sich ausbreiten können. Eine Granne im Ohr kann eine Mittelohrentzündung oder einen Trommelfellriss verursachen. Im Auge droht — bleibt die Granne unbehandelt — im schlimmsten Fall der Verlust des Sehvermögens.

Wandert ein Pflanzenfragment in die Lunge oder Luftröhre, sind lebensbedrohliche Entzündungen möglich. Vier Pfoten beschreibt außerdem den Weg über die Nase Richtung Gehirn als reales Risiko. All das klingt drastisch — ist aber dokumentierte tiermedizinische Realität, keine Übertreibung.

Hund und Katze vor Grannen schützen: Was du konkret tun kannst

Vier Pfoten empfiehlt, Hunde von Juni bis August grundsätzlich nicht durch hohes Gras oder entlang von Getreidefeldern laufen zu lassen. Das ist im Alltag nicht immer vollständig umsetzbar — aber jede Meidung von Getreiderändern und ungepflegten Wiesenstreifen senkt das Risiko spürbar.

Nach jedem Sommerausflug sollte eine gründliche Kontrolle folgen, besonders an diesen Stellen: Ohren, Augen, Nase, Mund, Achselhöhlen, Genitalbereich sowie die Zwischenzehenbereiche der Pfoten. Das Fell sollte, wo möglich, kurz gehalten werden — Tasso empfiehlt, das bei langhaarigen Rassen durch einen Tiermediziner erledigen zu lassen. Die Unterwolle sollte regelmäßig ausgebürstet werden.

Wer Gräser mit Grannen im eigenen Garten findet, sollte diese mitsamt der Wurzel entfernen, nicht nur abschneiden. Abgeschnittene Grannen trocknen und werden noch spitzer — eine Gefahr, die bleibt.

Granne entdeckt: Wann du selbst handeln kannst und wann der Tierarzt muss

Sitzt eine Granne noch oberflächlich im Fell oder hat gerade erst die Haut berührt, lässt sie sich mit einer Pinzette vorsichtig und vollständig entfernen. Dabei darauf achten, dass kein Teil abbricht — ein Fragment in der Wunde kann ebenso Entzündungen verursachen wie die ganze Granne.

Ist die Granne bereits tiefer eingedrungen, ist der Gang in die tierärztliche Praxis unverzichtbar. Dort kann sie unter kontrollierten Bedingungen entfernt werden; je nach Befund verordnen Tierärzte entzündungshemmende Medikamente, Schmerzmittel oder Antibiotika. Bei Verdacht auf eine Granne in Nase, Lunge oder Ohr sollte keine Stunde gewartet werden.

Wer seinen Hund oder seine Katze täglich nach dem Freigang abtastet, braucht dafür keine fünf Minuten — und kann damit im Sommer den Unterschied zwischen einem harmlosen Fund und einem Notfallbesuch ausmachen.

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