Eine zwölf Gramm leichte Packung Erdbeerchips, bunt bedruckt, mit leuchtend roten Früchten auf dem Etikett — so liegt sie an der Supermarktkasse und wirkt wie der harmloseste Snack der Welt. Eltern greifen gerne zu, gerade für Kinder scheint getrocknetes Obst eine clevere Alternative zu Gummibärchen. Der Schein trügt.
Öko-Test hat im August 2026 insgesamt 21 Erdbeerchips unter die Lupe genommen — darunter 14 Bio-Produkte — und ließ das Labor auf mehr als 500 Pestizide sowie auf Schwermetalle wie Blei und Cadmium testen. Das Ergebnis ist ernüchternd: In einem einzigen Produkt fanden die Prüfer 34 verschiedene Pestizidrückstände. Kein Produkt erreichte die Note „sehr gut”, acht fallen durch.
Was Öko-Test getestet hat und woher die Erdbeeren stammen
Die 21 getesteten Produkte kosteten zwischen 1,20 und 2,99 Euro pro Packung mit zwölf Gramm — eine schmale Spanne für sehr unterschiedliche Qualität. Neben Pestiziden prüfte das Labor auch den Zuckergehalt, den Vitamin-C-Gehalt und die Verpackungsaufmachung. Die Rohware stammt aus der Türkei, Ägypten, Marokko und China.
Alle Produkte durchliefen das Gefriertrocknen: Dabei wird den Erdbeeren das Wasser entzogen, was sie knusprig macht — und gleichzeitig alle Inhaltsstoffe konzentriert, den Zucker ebenso wie Rückstände. Für die gesetzliche Grenzwertprüfung rechnete das Labor die gemessenen Werte deshalb mit einem Trocknungsfaktor von zehn auf frische Erdbeeren zurück.
34 Pestizide in einem Produkt: Welche Erdbeerchips am stärksten belasten
Das auffälligste Ergebnis betrifft die Koro Erdbeerscheiben gefriergetrocknet: In diesem einen Produkt wies das Labor 34 verschiedene Pestizidrückstände nach. Damit steht es allein an der Spitze, doch es ist kein Einzelfall in seiner Kategorie. Über die Hälfte aller getesteten Produkte enthält Mehrfachrückstände — auch unter den Bio-Varianten.
Laut Öko-Test sind die gemessenen Mengen zwar sehr gering und werden nicht als akut giftig eingestuft. Wie sich solche Pestizid-Cocktails bei regelmäßigem Konsum langfristig auf den Körper auswirken, ist wissenschaftlich jedoch nicht abschließend geklärt.
Captan, Cyprodinil, 2,4-D: Drei Wirkstoffe, die Öko-Test besonders kritisch bewertet
Nicht alle nachgewiesenen Substanzen gelten als gleich problematisch. Öko-Test hebt drei Wirkstoffe gesondert hervor:
- Captan: gilt als krebsverdächtig
- Cyprodinil: steht im Verdacht, das Hormonsystem zu stören
- 2,4-D: wurde als besonders bedenklich eingestuft und als vermutlich krebserregend bewertet
Wichtig bleibt dabei: Alle 21 Produkte halten laut Öko-Test die gesetzlich festgelegten Grenzwerte ein. Die Kritik richtet sich nicht gegen einzelne Überschreitungen, sondern gegen die Häufung verschiedener Substanzen im selben Produkt.
„Ungenügend” für Rewe und Seeberger — warum Bio kein Freifahrtschein ist
Sechs Produkte erhielten im Gesamturteil die Note „ungenügend”. Darunter befinden sich die Rewe Beste Wahl gefriergetrocknete Erdbeeren und die Seeberger gefriergetrockneten Erdbeeren — in beiden wurden jeweils 23 Pestizide in Spuren nachgewiesen. Fünf Produkte immerhin schnitten mit „gut” ab, kein einziges mit „sehr gut”.
Wer auf Bio gesetzt hat, kann sich nicht automatisch in Sicherheit wiegen. Auch Bio-Erdbeerchips enthielten teilweise Mehrfachrückstände. Zusätzlich wies das Labor in fünf Bio-Produkten erhöhte Cadmiumgehalte nach — das giftige Schwermetall reichert sich bei langfristig hoher Aufnahme in Nieren und Knochen an. Bei den konventionellen Produkten lagen die Cadmiumwerte dagegen unterhalb der Abwertungsgrenzen von Öko-Test.
Zu den besser bewerteten Produkten gehören die günstigen Handelsmarken: Die Lidl Lupilu Bio Erdbeer-Fruchtchips (1,65 Euro) sowie die Kaufland Bio-Erdbeer-Fruchtchips (1,65 Euro) und die Edeka Bio Fruchtchips Erdbeere (1,75 Euro) erhielten alle das Urteil „gut”.
Bis zu 60 Gramm Zucker pro 100 Gramm: Erdbeerchips sind kein Obstersatz
Neben den Pestiziden fällt ein zweiter Befund ins Gewicht: der Zuckergehalt. Durch das Gefriertrocknen konzentriert sich der natürliche Fruchtzucker stark — im Schnitt auf rund 50 Gramm Zucker pro 100 Gramm, bei einzelnen Produkten sogar auf bis zu 60 Gramm pro 100 Gramm. Frische Erdbeeren dagegen enthalten deutlich mehr Wasser und damit bezogen auf 100 Gramm wesentlich weniger Zucker.
Dabei handelt es sich nicht um künstlich zugesetzten Zucker, sondern um konzentrierten Fruchtzucker. Doch dieser Unterschied ändert nichts an der ernährungsphysiologischen Wirkung. Zudem stellte das Labor bei neun Anbietern mehr Zucker fest, als auf der Verpackung deklariert war — weniger als angegeben wurde in keinem einzigen Fall gemessen.
Als Ersatz für eine Portion frisches Obst taugen Erdbeerchips deshalb nicht. Gerade bei Kindern empfiehlt es sich, sie eher als konzentrierten Süßsnack einzuordnen — und entsprechend sparsam zu verwenden.
Welche Produkte noch empfehlenswert sind und was Verbraucher beachten sollten
Der Öko-Test zeigt, dass die Wahl des richtigen Produkts einen Unterschied macht — auch wenn kein Produkt rundum überzeugt. Die günstigen Supermarkt-Eigenmarken von Lidl, Kaufland und Edeka schnitten besser ab als teurere Markenprodukte. Das schlechteste Abschneiden traf mit Rewe und Seeberger zwei Namen, die Verbraucher mit Qualität verbinden.
Wer Erdbeerchips kauft, sollte einen Blick auf das Öko-Test-Urteil werfen, das in der Ausgabe 08/2026 vollständig dokumentiert ist. Gleichzeitig lohnt der Blick aufs Etikett: Die Nährwertangaben zum Zuckergehalt weichen laut Test bei neun Produkten nach oben ab, was bei der eigenen Einschätzung der Portionsgröße berücksichtigt werden sollte.
Ob Öko-Test künftig auch andere gefriergetrocknete Fruchtprodukte — etwa Himbeeren oder Mango-Chips — ähnlich systematisch prüfen wird, hat die Redaktion bislang nicht angekündigt.



