Fernkälte München: Wie kaltes Grundwasser ganze Stadtteile kühlt – und was gegen Klimaanlagen spricht

Ein Augusttag in München, 34 Grad Celsius im Schatten. Aus den Außengeräten der Klimaanlagen an Hausfassaden und auf Dächern bläst heiße Luft in die Straßenschluchten – die Innenstadt wird durch die Geräte, die sie kühlen sollen, gleichzeitig weiter aufgeheizt. Was paradox klingt, ist stadtplanerische Realität in fast jeder deutschen Großstadt. Und es gibt eine wenig bekannte Alternative, die in München bereits seit Jahren in Betrieb ist.

Fernkälte funktioniert nach demselben Grundprinzip wie Fernwärme – nur läuft durch das unterirdische Leitungsnetz kein heißes, sondern gekühltes Wasser. Eine zentrale Anlage versorgt dabei viele Gebäude gleichzeitig. Die entscheidende Frage ist: Wie klimafreundlich ist das wirklich, und für wen lohnt sich der Anschluss überhaupt?

Wie Fernkälte funktioniert: Kaltes Wasser statt Außengerät

Das Prinzip ist technisch überschaubar. Statt dass jedes Gebäude eine eigene Klimaanlage betreibt, erzeugt eine zentrale Anlage Kälte und transportiert sie über ein verzweigtes Rohrsystem zu den angeschlossenen Abnehmern. Das gekühlte Wasser nimmt in Wärmetauschern die Raumwärme aus den Gebäuden auf, kehrt erwärmt zur Zentrale zurück und wird dort erneut gekühlt.

Die Stadtwerke München nutzen dabei natürliche Ressourcen: Grundwasser und unterirdische Stadtbäche dienen als Kältequellen. Nach Angaben der Stadtwerke München lässt sich dadurch gegenüber individuell erzeugter Kälte ein erheblicher Teil des Strombedarfs einsparen. Fernkältenetze lohnen sich laut der Internationalen Energie-Agentur (IEA) vor allem in dicht bebauten Stadtgebieten, Geschäftsvierteln, Krankenhäusern, Universitäten, auf Flughäfen und in großen Industriearealen.

Woher kommt die Kälte – und wie grün ist sie wirklich?

Wie klimafreundlich Fernkälte tatsächlich ist, hängt entscheidend von der eingesetzten Kältequelle ab. Es gibt drei grundsätzlich verschiedene Ansätze:

  • Natürliche Kältequellen: Flüsse, Seen, Meerwasser oder Grundwasser. Ist das Wasser kalt genug, kann es direkt oder über einen Wärmetauscher zur Kühlung beitragen – mit minimalem Stromaufwand.
  • Elektrisch betriebene Kältemaschinen: Sie funktionieren ähnlich wie ein großer Kühlschrank und können laut IEA zentral effizienter betrieben werden als viele kleine Einzelgeräte.
  • Absorptionskältemaschinen: Diese Anlagen nutzen Wärme – etwa industrielle Abwärme oder Wärme aus Kraft-Wärme-Kopplung – zur Kälteerzeugung und können so Energie verwenden, die sonst ungenutzt bliebe.

Die Europäische Kommission sieht in solchen Wärme- und Kältenetzen ausdrücklich eine Möglichkeit, erneuerbare Energien sowie bisher ungenutzte Abwärme besser einzusetzen. Besonders klimafreundlich sind Anlagen, die natürliche Kältemittel verwenden oder ihren Bedarf weitgehend durch kaltes Grund-, Fluss- oder Seewasser decken.

Weniger Abwärme, weniger Lärm in der überhitzten Stadt

Herkömmliche Klimaanlagen kühlen Innenräume, geben die aufgenommene Wärme aber nach draußen ab. Ihre Außengeräte blasen warme Luft in Höfe, Straßen und auf Dächer – in dicht bebauten Stadtgebieten heizt das die Umgebung zusätzlich auf, ein Effekt, der als urbane Wärmeinsel bekannt ist.

Bei Fernkälte wird diese Wärme zentral abgeführt, weit weg vom Stadtzentrum oder an Orten, an denen sie weniger schadet. Dadurch werden weniger einzelne Rückkühlanlagen und Außengeräte benötigt. Das reduziert nicht nur die Abwärme in der direkten Umgebung, sondern auch den Lärmpegel in Innenhöfen und Wohnstraßen. Ein weiterer praktischer Vorteil: Fassaden und Dächer bleiben frei – gerade bei denkmalgeschützten Gebäuden oder in dicht bebauten Altstadtbereichen oft ein entscheidender Aspekt.

Fernkälte spart auch klimaschädliche Kältemittel ein

Viele Klimaanlagen benötigen Kältemittel, von denen einige zu den fluorierten Treibhausgasen zählen. Diese Stoffe können das Klima stark belasten, wenn sie bei Herstellung, Wartung oder durch undichte Stellen entweichen – ihr Treibhauspotenzial liegt teils mehrere tausend Mal höher als das von CO₂.

Fernkälteanlagen benötigen nach Angaben der Stadtwerke München ebenfalls Kältemittel, setzen diese jedoch an wenigen zentralen Standorten ein. Dort lassen sie sich deutlich leichter kontrollieren und warten als Dutzende verteilte Einzelgeräte. In den angeschlossenen Gebäuden selbst fließt durch die Leitungen in der Regel nur Wasser.

Die Nachteile: Hohe Investitionen und begrenzte Reichweite

Fernkälte ist nicht die Antwort auf jede Kühlfrage. Der Bau eines neuen Netzes ist aufwendig und teuer: Straßen müssen aufgebrochen, große Leitungen verlegt werden. In locker bebauten Wohngebieten, wo wenige Abnehmer über weite Strecken verteilt sind, rechnet sich das weder finanziell noch energetisch. Die langen Leitungswege würden die Effizienzvorteile schnell aufzehren.

Auch die Abhängigkeit von einer zentralen Infrastruktur birgt Risiken. Fällt eine Hauptleitung oder eine große Kältemaschine aus, können gleichzeitig mehrere Gebäude – darunter möglicherweise Krankenhäuser oder Rechenzentren – betroffen sein. Betreiber müssen deshalb Reservekapazitäten und Notfallsysteme einplanen. Und: Wird die Kälte hauptsächlich mit Strom aus fossilen Quellen erzeugt, fällt die Klimabilanz deutlich schlechter aus. Fernkälte ist letztlich nur so nachhaltig wie die Energie, die Technik und die Planung dahinter.

Kein Ersatz für gute Gebäude – aber ein sinnvoller Baustein

Die IEA betont, dass bessere Gebäude und eine hitzeangepasste Stadtplanung den Bedarf an technischer Kühlung erheblich senken können. Gute Dämmung, außen liegende Verschattung, helle Dächer, begrünte Fassaden, nächtliches Lüften und durchdachte Grundrisse helfen, Hitze gar nicht erst ins Gebäude zu lassen. Bäume und Grünflächen kühlen zusätzlich die Umgebung – ohne einen einzigen Kilowatt Strom zu verbrauchen.

Fernkälte ersetzt diesen baulichen Ansatz nicht, kann ihn aber sinnvoll ergänzen – überall dort, wo viele Gebäude ohnehin intensiv gekühlt werden müssen und ein dichtes Netz wirtschaftlich tragfähig ist. Städte wie München zeigen, dass das unter günstigen Voraussetzungen funktioniert.

Ob andere deutsche Großstädte ähnliche Netze wirtschaftlich ausbauen können, hängt wesentlich davon ab, wie schnell erneuerbare Energien in der Stromerzeugung den Anteil fossiler Quellen verdrängen.

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