Am 2. August 2026 klettert ein Fotograf der Deutschen Presse-Agentur zum Höllentalferner unterhalb der Zugspitze – denselben Weg, den seine Kollegen seit 2021 jedes Jahr im Spätsommer nehmen, mit derselben Kamera, vom exakt gleichen Standpunkt aus. Was er im Sucher sieht, ist weniger als je zuvor: weniger Eis, weniger Schnee, mehr blankes Gestein.
Solche Bilder entstehen seit einigen Jahren systematisch an ausgewählten Orten in Deutschland – jährlich, immer im August, immer aus identischer Perspektive. Sie zeigen, was abstrakte Temperaturkurven nicht vermitteln können: Wie sich ein Land verändert. Die Frage ist, ob man die Veränderung schon sehen kann – und die Antwort lautet: ja, sehr wohl.
Was die dpa-Fotoserie sichtbar macht – und warum sie keine lineare Geschichte erzählt
Seit einigen Jahren nehmen dpa-Fotografinnen und -Fotografen an ausgewählten Orten Bilder auf – jedes Jahr im Spätsommer, möglichst von exakt denselben Positionen und mit der gleichen Perspektive. Ziel ist es, schleichende Prozesse zu dokumentieren, die im Tagesgeschäft der Nachrichtenbilder untergehen.
Doch wer eine gleichmäßig voranschreitende Katastrophe erwartet, liegt falsch. „Globale Erwärmung bedeutet nicht, dass es an jedem Ort zu jedem Zeitpunkt jedes Jahr wärmer wird, sondern wir haben natürliche Schwankungen im System”, erklärt Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Eine lineare Entwicklung in den Jahresreihen sei deshalb nicht zu erwarten – das bedeute aber keineswegs, dass der Klimawandel keine Wirkung zeige. „Die Schwankungen werden durch den Klimawandel alle verstärkt, in alle Richtungen, und das ist schlecht.”
Deutschlands letzte Gletscher: Ein Viertel der Fläche seit 2023 verschwunden
Am eindeutigsten lesen sich die Veränderungen an den vier verbliebenen deutschen Gletschern. Der Höllentalferner im Zugspitzgebiet und der Watzmanngletscher in den Berchtesgadener Bergen werden bereits seit August 2021 jährlich fotografiert. Auf den aktuellen Aufnahmen ist deutlich weniger Schnee und Eis zu erkennen als noch vor fünf Jahren.
Eine Vermessung des Geografen Wilfried Hagg von der Hochschule München und des Glaziologen Christoph Mayer von der Bayerischen Akademie der Wissenschaften ergab: Allein zwischen 2023 und 2025 haben die vier letzten deutschen Gletscher mehr als ein Viertel ihrer Fläche eingebüßt. Der Watzmanngletscher könnte schon bald seinen Status als Gletscher verlieren. Am längsten dürfte sich der Höllentalferner halten – aber auch er schrumpft messbar.
Levermann lässt keinen Zweifel an der Prognose: „Unter globaler Erwärmung gibt es zwar mehr Niederschlag, und dieser kann auch in hohen Breiten als Schnee fallen, aber die Erwärmung selber und das damit verbundene Schmelzen von Gebirgsgletschern überwiegt bei weitem. Und deswegen verlieren 97 Prozent der Gebirgsgletscher weltweit und auch die in Deutschland an Masse. Die deutschen Gletscher sind also nicht mehr zu retten.” Neben Höllentalferner und Watzmanngletscher gehören der Nördliche Schneeferner und der Blaueisgletscher dazu.
Rhein und Arendsee: Wenn der Puffer wegfällt
Gebirgsgletscher sind nicht nur ein Symbol – sie sind Frischwasserspeicher. Im Winter nimmt ihre Masse durch Schnee zu, im Sommer geben sie dieses Wasser langsam wieder ab. Levermann beschreibt die Funktion so: „Wenn das im Gleichgewicht ist, dann bedeutet das so eine Art Puffer in einer Zeit, in der man potenziell eine Dürre hat und deswegen weniger Wasser in den Flüssen und Seen. Und diese ausgleichende Wirkung, die verlieren sie halt.”
Im Sommer 2026 war dieser Effekt bereits spürbar. Der Rhein und die Donau erreichten an mehreren Messpunkten historische Tiefstände. Am Arendsee in der Altmark in Sachsen-Anhalt zeigt die dpa-Fotoreihe von 2023 bis 2026, wie stark das Ufer von Jahr zu Jahr schwankt – mal liegt der Steg direkt am Wasser, mal klafft mehrere Meter Uferstreifen dazwischen.
„Hier sieht man, dass wir natürliche Schwankungen haben. Seen oder Flüsse reagieren sehr schnell auf Wetterveränderungen und auch auf saisonale Veränderungen”, so Levermann. Da Dürreperioden häufiger und länger werden, sei davon auszugehen, dass künftig mehr Bilder mit niedrigen Wasserständen in den Reihen auftauchen – bei gleichzeitig zunehmender Überschwemmungsgefahr.
Dürre und Starkregen gleichzeitig – warum das kein Widerspruch ist
„Das ist Leuten häufig nicht klar, denn es wirkt erst wie ein Widerspruch: mehr Dürren und mehr starker Niederschlag”, räumt Levermann ein. „Aber wenn man kurz darüber nachdenkt, merkt man sofort, nein, das ist kein Widerspruch, denn das kann erstens an unterschiedlichen Orten passieren und natürlich am gleichen Ort auch zu unterschiedlichen Zeiten.” Der gemeinsame Nenner beider Phänomene sei ein physikalisches Grundgesetz: Eine wärmere Atmosphäre ist hungriger nach Wasserdampf.
Pro Grad Erwärmung kann die Atmosphäre sieben Prozent zusätzlichen Wasserdampf aufnehmen. Ist die Luft trocken und warm, entzieht sie Böden, Flüssen und Flusszuläufen Wasser und transportiert es anderswo hin. Trifft dieses Wasser auf günstige Bedingungen, entstehen intensivere und häufigere Starkregenereignisse. Dürre und Flut sind also zwei Seiten derselben physikalischen Medaille.
Eifel-Wälder und Waldbrandgefahr: Was absterbende Fichten und schmelzende Gletscher gemeinsam haben
Im Nationalpark Eifel zeigt die dpa-Serie von 2023 bis 2026 ein Bild, das sich durch viele deutsche Waldgebiete zieht: Zwischen abgestorbenen Fichten wachsen jüngere Buchen. Die widerstandsfähigeren Laubbäume sollen die Fichten langfristig verdrängen – doch der Umbau braucht Jahrzehnte.
Levermann zieht einen direkten Vergleich zu den Gletschern: „Wir haben eine ähnliche Situation wie bei den Gebirgsgletschern.” Beide wüchsen sehr langsam und stürben sehr schnell. „Wenn wir etwas haben, was den Wald kaputt macht, ist es sehr schwer, den Wald wieder aufzubauen. Das kann Dürre sein, das können aber auch Schädlinge sein, die durch den Klimawandel begünstigt werden.”
Die Waldbrandgefahr verschärft dieses Problem. Der Forstwissenschaftler Jürgen Bauhus von der Universität Freiburg verwies darauf, dass sich die Tage mit hoher Waldbrandgefahr laut Deutschem Wetterdienst in Deutschland nahezu verdoppelt haben:
- Zeitraum 1961–1990: durchschnittlich 6 Tage pro Jahr mit hoher Waldbrandgefahr
- Zeitraum 1991–2020: durchschnittlich 11,3 Tage pro Jahr – ein Anstieg von fast 90 Prozent
- Betroffenes Gebiet: fast ganz Deutschland, laut Thünen-Institut für Waldökosysteme, mit Ausnahme Schleswig-Holsteins
- Tendenz: anhaltend steigend, besonders in den vergangenen zehn Jahren
Dass die Gefahr real ist, zeigten die vergangenen Wochen: Im Hürtgenwald musste der Ortsteil Gey wegen eines Waldbrandes evakuiert werden.
Was als nächstes kommt: Deutschland, 2,5 Grad wärmer als vor der Industrialisierung
Die Trends dürften sich fortsetzen. Dem Deutschen Wetterdienst zufolge hat sich Deutschland gegenüber der vorindustriellen Zeit bereits um 2,5 Grad erwärmt – deutlich mehr als der globale Durchschnitt. Die Folgen, die die dpa-Fotoreihen Jahr für Jahr sichtbarer machen, sind damit keine Zukunftsszenarien mehr.
Levermann sieht die Lösungen als bekannt an: „Wie man das genau macht, da kann man drüber streiten, aber nicht über die physikalischen Grundlagen.” Der Weg aus der Wirtschaftskrise führe über Windkraft, Solarkraft, Batterien, Speicher und Elektroautos. „Wir müssen es einfach akzeptieren als ein gesellschaftliches Problem.”
Die dpa-Fotografinnen und -Fotografen werden im Sommer 2027 erneut an dieselben Orte fahren – zum Höllentalferner, an den Rhein, in die Eifel, an den Arendsee – und von denselben Standpunkten aus auslösen. Was sie dann im Sucher sehen werden, lässt sich aus den bisherigen Reihen ableiten.



