Dinkel vs. Weizen: Was der BfR-Befund wirklich über das gesündere Getreide verrät

Im Bioregal stehen sie nebeneinander: Dinkelbrot für 4,90 Euro, Weizenbrot für 2,80 Euro. Wer greift, ohne lange nachzudenken, zum Dinkel — und warum auch nicht? Der Ruf des Urgetreides ist makellos. Naturbelassener, bekömmlicher, gesünder soll es sein, und dieser Glaube sitzt tief.

Doch was steckt tatsächlich dahinter? Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat sich dieser Frage im Januar 2023 gewidmet — und die Antwort fällt deutlich nüchterner aus, als die Dinkelfans im Bioladen erwarten dürften.

Weizen und Dinkel: Zwei Verwandte, nicht zwei Gegensätze

Was viele schlicht nicht wissen: Dinkel ist botanisch gesehen eine Weizenart. Beide Getreidesorten gehören zur Gattung Triticum und stammen ursprünglich aus Kleinasien — die ältesten Weizenfunde datieren auf die Zeit zwischen 7800 und 5200 v. Chr. Bis etwa 1900 war Dinkel auch in Deutschland weit verbreitet, ehe ihn der ertragsstärkere Weizen vom Acker verdrängte.

Der entscheidende Unterschied liegt nicht im Nährstoffprofil, sondern in der Landwirtschaft. Weizen reagiert stark auf Dünger und lässt sich effizient ernten, weil die Körner locker in der Ähre sitzen. Das Dinkelkorn hingegen steckt in einer festen Spelze, die die Verarbeitung aufwendiger und teurer macht. Dazu lässt sich Dinkel durch Düngergaben kaum im Ertrag steigern — deshalb ist er in Deutschland zwar beliebt, aber weitaus seltener angebaut.

Das „Urgetreide”-Versprechen und was es taugt

Das Wort klingt nach Natur pur und unberührter Tradition. Rechtlich ist es jedoch wertlos. Laut dem Max-Rubner-Institut ist der Begriff „Urgetreide” weder geschützt noch eindeutig definiert — er sagt nichts darüber aus, ob eine Sorte unverändert gezüchtet wurde, und erst recht nichts über gesundheitliche Vorteile.

Dinkel enthält tatsächlich etwas mehr Eiweiß, Magnesium, Zink und Eisen als Weizen. Doch die Unterschiede sind gering, und ein anderer Befund überrascht: Dinkel enthält sogar mehr Gluten als Weizen. Wer unter einer Glutenunverträglichkeit leidet, ist mit Dinkel also nicht besser dran. Das hohe Klebereiweiß sorgt zwar für voluminöse, gut backbare Teige mit einem feinen, nussigen Aroma — hilft aber bei der Verträglichkeitsfrage keinen Millimeter weiter.

Was das Bundesinstitut für Risikobewertung im Januar 2023 festgestellt hat

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat in seiner Stellungnahme vom Januar 2023 klar festgehalten: Es gibt bislang keine veröffentlichten, aussagekräftigen klinischen Daten, die ein geringeres allergenes Potenzial von Dinkel gegenüber handelsüblichem Weizen belegen. Dinkel und Weichweizen ähneln sich in ihren potenziell allergieauslösenden Eiweißmolekülen so stark, dass das BfR von einem vergleichbaren Allergiepotenzial ausgeht.

Erschreckend dabei: Im Rahmen der Stellungnahme führte das BfR eine repräsentative Umfrage durch. Nur jede fünfte befragte Person ging davon aus, dass Dinkel ein ähnliches Allergiepotenzial wie Weizen besitzt. Aus diesem Grund spricht sich das BfR dafür aus, Dinkel in der Zutatenliste konsequent mit dem Zusatz „Weizenart” zu kennzeichnen — eine Forderung, die für Allergiker praktisch lebensrelevant wäre.

Warum Bauchprobleme nach dem Brot oft woanders herrühren

Blähungen, Bauchschmerzen, Völlegefühl nach dem Frühstücksbrot — wer das kennt, schiebt die Schuld gerne auf Weizen oder Gluten. Doch der eigentliche Übeltäter steckt häufig im Herstellungsprozess. Industriell produzierte Backwaren enthalten oft künstliche Enzyme und Zusatzstoffe; vor allem aber sind die Ruhephasen des Teigs drastisch verkürzt.

Dabei ist Gehzeit entscheidend: Während längerer Ruhephasen werden sogenannte FODMAPs — schwer verdauliche Zuckerverbindungen — stärker abgebaut. Ein handwerklich hergestelltes Sauerteigbrot ist dadurch in der Regel bekömmlicher als ein industrielles Toastbrot, ganz unabhängig davon, ob es aus Dinkel- oder Weizenmehl besteht. Handwerksbäckereien, möglichst mit Bio-Zertifizierung, verzichten auf Fertigbackmischungen und Teiglinge aus dem Tiefkühler — das spürt man, und der Magen auch.

Vollkorn schlägt Dinkelbrot aus dem Supermarktregal

Die entscheidende Weichenstellung liegt also weder bei der Getreideart noch beim Markenversprechen auf der Packung. „Für Dinkel wie für Weizen gilt: Um möglichst viele Vitamine, Mineral- und Ballaststoffe aufzunehmen, sollte man auf Vollkornprodukte achten”, sagt Andrea Danitschek, Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Bayern.

Im Vollkornkorn stecken Kleie und Keimling — genau dort sitzen die wertvollen Inhaltsstoffe. Wer also täglich Weißmehlprodukte isst und glaubt, durch den gelegentlichen Dinkelkeks einen Gesundheitsausgleich zu schaffen, irrt sich. Vollkorndinkel ist besser als Auszugsdinkelmehl. Vollkornweizen ist besser als Auszugsweizenmehl. Die Rangfolge zwischen den Getreidearten tritt dahinter weit zurück.

  • Vollkornprodukte bevorzugen — egal ob Dinkel oder Weizen: Vollkorn liefert deutlich mehr Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe als helles Auszugsmehl.
  • Handwerkliche Bäckereien aufsuchen — längere Teigruhe baut FODMAPs ab und macht Brot bekömmlicher.
  • Dinkel nicht bei Glutenunverträglichkeit wählen — Dinkel enthält mehr Gluten als Weizen und ist kein Ausweg für Menschen mit Zöliakie oder Glutensensitivität.
  • „Urgetreide”-Etiketten kritisch lesen — der Begriff ist rechtlich nicht geschützt und gibt keinen Aufschluss über Nährwert oder Anbauweise.
  • Zutatenliste prüfen — Dinkel sollte laut BfR künftig als „Weizenart” ausgewiesen sein, was für Allergiker sicherheitsrelevant ist.

Die Frage, welches Mehl im eigenen Küchenschrank stehen sollte, lässt sich mit dem BfR-Befund von 2023 klarer beantworten als je zuvor — und die nächste Frage, die Forschende beschäftigt, ist, ob eine verpflichtende Kennzeichnung von Dinkel als Weizenart auf EU-Ebene folgen wird.

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