Ein Torx-5-Schraubendreher liegt im Karton. Nicht als Beigabe, die man nie anfasst, sondern als Versprechen: Wer dieses Telefon kauft, soll es jahrelang selbst reparieren können. Das Fairphone 6+ aus Amsterdam tritt damit in einer Geräteklasse an, in der die Konkurrenz ihre Akkus mit Industriekleber versiegelt und defekte Displays als Anlass für den nächsten Kaufzyklus betrachtet.
Für 649 Euro soll das modulare Flaggschiff nun mehr können als bloß das Gewissen zu beruhigen: schnellerer Prozessor, mehr RAM, neues Design. Die Deutsche Presse-Agentur hat das Gerät in einem ausführlichen Praxistest unter realen Bedingungen geprüft – mit Ergebnissen, die das Bild teils zurechtücken.
Modularität als Alleinstellungsmerkmal: Zwölf Komponenten, ein Schraubendreher
Das ist der Kern des Fairphone-Konzepts, und beim 6+ funktioniert es überzeugend. Insgesamt zwölf interne Bauteile – darunter Display, Akku, USB-C-Anschluss und beide Kameras – lassen sich ohne Fachkenntnisse selbst tauschen. Der mitgelieferte Torx-5-Schraubendreher reicht dafür aus.
Die Ersatzteilpreise im Herstellershop sind dabei erfreulich nüchtern kalkuliert: Ein Ersatzdisplay kostet knapp 90 Euro, ein neuer Akku 40 Euro, das Hauptkameramodul 70 Euro. Zum Vergleich: Bei einem fest verklebten Hochpreismodell eines großen Herstellers kostet allein der Displaytausch im autorisierten Service oft das Doppelte.
649 Euro und der Vergleich zum günstigeren Fairphone 6: Ist der Aufpreis gerechtfertigt?
Das Plus-Modell unterscheidet sich vom parallel erhältlichen Fairphone 6 vor allem auf dem Datenblatt. Es bietet 12 Gigabyte RAM der neuesten Generation statt 8 GB sowie den neueren Prozessor Qualcomm Snapdragon 7s Gen 4 statt des Gen 3. Der Aufpreis gegenüber dem Basismodell beträgt je nach Händler 50 bis 100 Euro. Dazu kommt mit Cobalt Blue eine neue Farbvariante.
Im Labor zeigen sich die Unterschiede messbar: Im Single-Core-Test von Geekbench 6 erreicht das 6+ bis zu 1.302 Punkte, im Multi-Core-Test rund 3.616 Punkte – ein sichtbarer Zuwachs gegenüber dem Vorgänger. Im Alltag hingegen, beim Navigieren durch Apps und Standard-Aufgaben, ist der Unterschied nach Einschätzung der dpa kaum spürbar. Für grafikintensive 3D-Spiele stößt der Adreno-Grafikchip zudem schneller an seine Grenzen als Konkurrenzgeräte in ähnlicher Preislage.
Wer bereits ein normales Fairphone 6 besitzt, hat keinen vernünftigen Grund zum Wechsel. Neukäufern, die das Gerät möglichst lange behalten wollen, empfiehlt sich das Plus-Modell wegen der höheren RAM-Ausstattung und des längeren Supports. Wer vor allem auf das Preis-Leistungs-Verhältnis schaut, fährt mit dem günstigeren Basismodell wahrscheinlich besser.
Nachhaltigkeit: Über 50 Prozent recycelte Materialien und Updates bis 2033
Fairphone gibt an, dass mehr als 50 Prozent der Gesamtmasse des Telefons aus fair gewonnenen oder recycelten Materialien besteht – darunter Kobalt und Gold. Bei den Kunststoffen liegt der Anteil an sogenanntem Post-Consumer-Rezyklat, also aufbereitetem Plastikabfall aus privaten Haushalten, sogar bei über 93 Prozent. Für ein Smartphone in einer Branche mit notorisch intransparenten Lieferketten ist das ein echter Maßstab.
Das Gerät gilt laut Hersteller zudem als vollständig Elektroschrott-neutral. Zusammen mit garantierten Software-Updates bis zum Jahr 2033 und einer fünfjährigen Herstellergarantie ist die Langlebigkeit das stärkste Argument des 6+. Ab Werk läuft es mit unmodifiziertem Android 16; wer möchte, kann das Gerät auch mit dem Google-freien Betriebssystem e/OS erwerben.
Display und Akku: Scharf und hell, aber mit sichtbaren Schwächen
Das Display überzeugt mit Leuchtkraft, nicht mit Optik
Der 6,31-Zoll-Bildschirm in Kunststoff-OLED-Bauweise liefert echtes Schwarz, lebendige Farben und eine Spitzenhelligkeit von bis zu 1.400 Nits – selbst im Freien kaum ein Spiegelproblem. Die Bildrate passt sich automatisch an die Nutzung an: flüssig beim Scrollen, sparsam beim Lesen. Weniger zeitgemäß sind die breiten, asymmetrischen Displayränder, die dem Gerät eine klobigere Wirkung verleihen als es die Preisklasse erwarten lässt.
Der Akku bleibt hinter dem Vorgänger zurück
Mit 4.415 mAh teilt das 6+ dieselbe Akkukapazität wie das Basismodell. Dennoch hielt es im PCMark-Akkutest lediglich gut 12 Stunden durch – rund eineinhalb Stunden weniger als das einfachere Fairphone 6. Für einen normalen Arbeitstag reicht das, als Upgrade-Argument taugt es nicht. Geladen wird mit soliden 30 Watt. Das Gewicht liegt bei 191 bis 193 Gramm, die Dicke bei knapp 10 Millimetern.
Kamera: Ordentliche Alltagsfotos, aber ein Zoom, der kaum zu gebrauchen ist
Das Kamerasystem besteht aus einem 50-Megapixel-Hauptsensor (Sony Lytia 700C) mit optischer Bildstabilisierung und einem 13-Megapixel-Ultraweitwinkelobjektiv. Bei Tageslicht gelingen Fotos mit natürlichen Farben und solider Schärfe; Makroaufnahmen mit ansprechender Hintergrundunschärfe gehören zu den echten Stärken des Geräts. In dunkleren Umgebungen neigt der Sensor zu leichtem Rauschen.
Die Schwächen liegen beim Zoom und der Software-Konsistenz. Der zehnfache Digitalzoom liefert häufig verwaschene Ergebnisse und ist im Alltag kaum nutzbar. Bei der 32-Megapixel-Frontkamera traten im Test sichtbare Farbunterschiede bei direkt aufeinanderfolgenden Selfies auf; gelegentlich rechnet die Software Hintergründe künstlich unscharf. Fairphone könnte diese Inkonsistenzen per Software-Update beheben – ob und wann, ist offen.
Der gelbe Moments-Schalter: Hardware-Detail mit echtem Nutzen
Auf der Seite des Geräts sitzt ein auffällig gelber physischer Schieberegler. Er aktiviert den sogenannten Fairphone-Moments-Fokusmodus, der das Smartphone auf wesentliche Anwendungen wie Karten oder Kamera reduziert und so Ablenkungen im Alltag minimiert. Der Schalter lässt sich alternativ mit anderen Funktionen belegen, etwa dem Umschalten der Taschenlampe. Das klingt nach einem Gimmick – ist im tatsächlichen Gebrauch aber eines der wenigen Hardware-Details, das tatsächlich Verhalten verändert.
Folgende Punkte fassen zusammen, wo das Fairphone 6+ klar vorne liegt und wo es Abstriche gibt:
- Reparierbarkeit: 12 austauschbare Module, Torx-Schraubendreher im Lieferumfang
- Software-Langlebigkeit: Updates garantiert bis 2033, Android 16 ab Werk
- Nachhaltigkeit: über 50 % recycelte Materialien, 93 % Post-Consumer-Kunststoffe
- Alltagsleistung: flüssig, aber kaum spürbar besser als das günstigere Basismodell
- Akkulaufzeit: gut 12 Stunden im Test – eineinhalb Stunden unter dem Fairphone 6
- Zoom-Kamera: zehnfacher Digitalzoom in der Praxis kaum verwendbar
Ob Fairphone die Kamera-Schwächen per Update in den Griff bekommt, wird zeigen, wie ernst das Update-Versprechen bis 2033 tatsächlich zu nehmen ist.



