Seit dem 29. Juli 2026 gilt in Deutschland ein neues Regelwerk fürs Heizen. Die Bundesregierung und der Bundesrat haben das Gebäudeenergiegesetz (GEG) durch das Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG) abgelöst – und damit eine Entscheidung getroffen, die Millionen Hausbesitzer direkt betrifft. Wer gerade vor dem Kaminofen sitzt und überlegt, ob die alte Gastherme noch einen Winter durchhält, steht plötzlich vor einer völlig neuen Rechnung.
Neue Gas- und Ölheizungen sind wieder erlaubt. Die bisherige 65-Prozent-Pflicht für erneuerbare Energien fällt weg. Dafür kommt eine sogenannte „Biotreppe” mit schrittweise steigenden Grüngas-Quoten – und die Förderung für klimafreundliche Heizungen beginnt ab Februar 2027 zu schrumpfen. Die entscheidende Frage ist damit nicht mehr nur, welche Heizung technisch passt, sondern wann und wie schnell gehandelt werden muss.
Das GMG auf einen Blick: Was sich gegenüber dem GEG wirklich verändert hat
Der wichtigste Unterschied zum alten GEG: Neue Gasheizungen und neue Ölheizungen dürfen wieder eingebaut werden, ohne dass dabei ein bestimmter Anteil erneuerbarer Energien von Beginn an vorgeschrieben wäre. Stattdessen greift die Biotreppe – ein System schrittweise steigender Quoten, das erst 2029 wirksam wird.
- Ab 2029: mindestens 10 Prozent Grüngasanteil bei neuen Gasheizungen, ebenso 10 Prozent Bio-Öl-Anteil bei Ölheizungen.
- Ab 2030: mindestens 15 Prozent, ab 2035: mindestens 30 Prozent, ab 2040: mindestens 60 Prozent Grüngasanteil.
- Gaslieferanten müssen ab 2028 bereits 1 Prozent Grüngas beimischen; ab 2045 soll die Versorgung vollständig klimaneutral sein.
- Gasheizungen, die älter als 30 Jahre sind, dürfen theoretisch weiterbetrieben werden.
- Die Förderung für klimafreundliche Heizungen wie Wärmepumpen, Solarthermie und Pelletheizungen bleibt bis 2030 gesichert – allerdings mit sinkenden Obergrenzen ab Februar 2027.
Fachleute aus der Energiebranche kritisieren die Biotreppe scharf. Die geplanten Quoten seien nicht ambitioniert genug, „grüne” Brennstoffe weder ausreichend verfügbar noch erschwinglich. Mit großer Wahrscheinlichkeit, so die einhellige Einschätzung, werden die Klimaziele im Gebäudesektor damit verfehlt – und damit riskiert die Bundesregierung auch die deutschen Gesamtziele bis 2045.
Wärmepumpen-Markt unter Druck: Was der neue Handlungsspielraum für Gas bedeutet
2025 war ein Ausnahmejahr für die Wärmepumpenbranche. Rund 300.000 Geräte wurden verkauft – erstmals mehr als Gasheizungen. Im ersten Halbjahr 2026 setzte sich dieser Trend fort: Laut Bundesverband Wärmepumpe (BWP) wurden in diesem Zeitraum knapp 200.000 Einheiten abgesetzt.
Das GMG könnte diesen Schwung bremsen. Wenn Hausbesitzer nun wieder zur neuen Gastherme greifen dürfen, ohne unmittelbar hohe Auflagen zu fürchten, sinkt möglicherweise die Nachfrage nach Wärmepumpen – mit Folgen für Preise, Installationskapazitäten und die gesamte Lieferkette.
Jan Ossenbrink, CEO des Wärmepumpen-Start-ups Vamo und promovierter Energieökonom, sieht das Gesetz als falsches Signal: „Das ist genau das Gegenteil von dem, was der Markt braucht. Denn die Wärmewende gewinnt gerade wieder an Tempo. Dieses Momentum jetzt politisch auszubremsen, ist ein klarer Rückschritt ohne Not.” Seine Sorge gilt vor allem den Handwerksbetrieben: Wenn die Politik erst die Regeln lockert und dann die Förderung kürzt, könnten viele Betriebe das Wärmepumpengeschäft aufgeben – und mit ihnen das Vertrauen der Verbraucher.
Felix Plog, CEO des Wärmepumpen-Installateurs thermondo, sieht das differenzierter. Sein Unternehmen habe seit Januar 2026 Verkaufsrekorde verzeichnet, der Absatz habe sich mehr als verdoppelt. Eine Umfrage von thermondo unter 1.000 Befragten zeigt: 45 Prozent fühlen sich durch die sinkende Förderung zu einem schnelleren Umstieg animiert. Plog ist zuversichtlich: „Die Wärmepumpe wird ihren Siegeszug fortsetzen – sie ist und bleibt eine sichere Bank für Verbraucher und den Klimaschutz.”
Werden Wärmepumpen durch das neue Gesetz günstiger oder teurer?
Eine klare Preisaussage traut sich derzeit kaum jemand in der Branche zu. Zwei Szenarien stehen nebeneinander. Bricht die Nachfrage durch das GMG tatsächlich ein, könnten Wärmepumpenpreise sinken – das vermutet etwa Energieberater Carol Charlier. Stefan Materne, Referent für Energieberatung beim Verbraucherzentrale Bundesverband, glaubt, die Tendenz zu leicht sinkenden Preisen „durch Masseneffekte und Professionalisierung der Prozesse” könnte anhalten – aber: „Die Gesetzgebung, in Form von Freiheit für fossile Heizungen, ist ein klarer Unsicherheitsfaktor an dieser Stelle.”
Ossenbrink formuliert es vorsichtig: „Der Einfluss auf die Preisentwicklung von Wärmepumpen ist schwer abzuschätzen.” Er befürchtet, dass Auf und Ab bei der Nachfrage Installationsbetriebe aus dem Wärmepumpenmarkt treibt – und das könnte die Preise am Ende sogar nach oben drücken. Langfristige Prognosen bleiben damit schwierig.
Jetzt handeln oder abwarten: Wer in welche Richtung schauen sollte
Wer noch Zeit hat
Wer eine noch funktionierende Heizung besitzt und nicht akut handeln muss, kann durchatmen – sollte die Zeit aber sinnvoll nutzen. Christian Handwerk, Energieexperte der Verbraucherzentrale NRW, empfiehlt, zunächst das bestehende Heizsystem zu prüfen und zu optimieren. „Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer sollten sich über Förderprogramme für klimafreundliche Heizsysteme wie Wärmepumpen, Solarthermie oder Pelletheizungen informieren.” Dämmung, Fenstersanierung oder smartes Heizungsmanagement senkten den Verbrauch unabhängig vom Brennstoff – ein sinnvoller erster Schritt.
Eine unabhängige Energieberatung, etwa über die Verbraucherzentrale, hilft dabei, verschiedene Szenarien konkret durchzurechnen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass eine Wärmepumpe – oder im Einzelfall eine Pelletheizung oder ein Hybridsystem – mittelfristig die wirtschaftlichste Lösung sein wird.
Wer schnell handeln muss
Wer eine alte, störanfällige oder übermäßig teure Heizung hat, sollte jetzt nicht zögern. Die Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) läuft zwar bis 2030, aber ab Februar 2027 sinkt die maximale Fördersumme halbjährlich um 750 Euro. Wer heute handelt, sichert sich bis zu 80 Prozent der förderfähigen Investitionskosten von maximal 28.000 Euro – also bis zu 22.400 Euro Zuschuss. Dr. Richard Lucht von thermondo bringt es auf den Punkt: „Die neue Förderung macht klar: Wer wartet, zahlt drauf.”
Der sinnvolle Ablauf: Energieberatung buchen, das passende Gerät und eventuelle Sanierungsmaßnahmen identifizieren, Förderantrag bei der KfW frühzeitig stellen. Nicht erst dann, wenn die alte Heizung im Januar ausfällt.
Wer eine neue Gas- oder Ölheizung erwägt
Das GMG erlaubt neue Gas- und Ölheizungen – aber das bedeutet nicht, dass sie sich rechnen. Steigende CO2-Preise, absehbar teurere fossile Brennstoffe und die künftig verpflichtenden Grüngas- und Bio-Öl-Quoten werden das Heizen mit Gas und Öl mittelfristig deutlich verteuern. Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme zeigt, dass Wärmepumpen und Fernwärme langfristig günstiger bleiben als Gasheizungen mit Biotreppe. Wer heute eine neue Gastherme einbaut, bindet sich an ein System, dessen Betriebskosten in den nächsten 20 Jahren mit hoher Wahrscheinlichkeit stark steigen werden.
Die aktuelle BEG-Förderung für Wärmepumpen: Beträge und Boni im Überblick
Anträge auf Heizungsförderung werden bei der KfW gestellt. Die wichtigsten Eckdaten nach aktuellem Stand:
Die Grundförderung beträgt 30 Prozent der förderfähigen Investitionskosten, bei einem Einfamilienhaus bis maximal 28.000 Euro Investitionssumme. Hinzu kommt ein Geschwindigkeitsbonus von 16 Prozent, wenn eine mindestens 20 Jahre alte Öl-, Gas- oder Kohleheizung ersetzt wird – dieser Bonus sinkt halbjährlich um 4 Prozent. Haushalte mit einem Jahreseinkommen unter 30.000 Euro erhalten zusätzlich einen Einkommensbonus von 40 Prozent. In der Spitze sind damit bis zu 80 Prozent der Investitionskosten förderfähig, was beim Einfamilienhaus einem maximalen Zuschuss von 22.400 Euro entspricht. Ab Februar 2027 beginnt dieser Betrag halbjährlich zu sinken.
Mathias Paul, Sprecher von thermondo, fasst die Marktlage zusammen: „Klimapolitisch und wirtschaftlich ist Elektrifizierung die beste Lösung. Das hat auch der Großteil der Eigenheimbesitzer längst verstanden. Der Markt ist hier deutlich weiter als die Regierung.”
Vamo-CEO Ossenbrink sieht es ähnlich nüchtern: „Bei der nächsten fälligen Heizungserneuerung wird die Wahl in den meisten Fällen ohnehin auf die Wärmepumpe fallen. Die Heizung ist für Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer der größte Hebel für den Klimaschutz und die eigene finanzielle Unabhängigkeit.”
Wer jetzt eine neue Heizung plant, sollte nicht nur auf den Anschaffungspreis schauen, sondern die Gesamtbetriebskosten über 20 Jahre kalkulieren – denn genau dort wird sich entscheiden, ob die Entscheidung von heute morgen noch trägt.



