Altersvorsorgedepot 2027: Was das Riester-Ende für dein Erspartes wirklich bedeutet

Du hast deinen Riester-Vertrag seit Jahren brav bespart, dich durch komplizierte Zulagenberechnungen durchgekämpft und dich insgeheim gefragt, ob das alles wirklich der Mühe wert ist. Ab dem 1. Januar 2027 beantwortet der Gesetzgeber diese Frage auf seine Weise: Die Riester-Rente bekommt einen Nachfolger, und der sieht grundlegend anders aus.

Das neue staatlich geförderte Altersvorsorgedepot soll laut Bundesfinanzministerium (BMF) „renditestärker, einfacher und flexibler” sein als das bisherige System. Was genau das für dich bedeutet, ob du besser oder schlechter dastehst als heute, und was du bis Ende 2026 entscheiden solltest — das klären die nächsten Abschnitte Schritt für Schritt.

Warum Riester für die meisten ein schlechter Deal war

Das Prinzip der Riester-Rente klingt zunächst verlockend: Der Staat zahlt eine Grundzulage von 175 Euro pro Jahr dazu, Eltern erhalten pro Kind zusätzlich 185 Euro (Geburt vor 2008) oder 300 Euro (Geburt ab 2008). Voraussetzung ist, mindestens 4 Prozent des Bruttojahreseinkommens einzuzahlen — abzüglich der Zulagen, mindestens aber 60 Euro, maximal 2.100 Euro.

Zwei Beispiele zeigen, wie ungleich das System verteilt. Stefan verdient 22.000 Euro brutto im Jahr und hat zwei Kinder (geboren nach 2008). Er erhält Zulagen von insgesamt 775 Euro (175 + 300 + 300) und muss dafür nur 105 Euro selbst einzahlen. Annalena verdient 50.000 Euro brutto und hat keine Kinder: Für ihre 1.825 Euro Eigenbeitrag gibt es gerade mal 175 Euro Zulage. Das Missverhältnis liegt auf der Hand.

Hinzu kommt das eigentliche Kernproblem: Riester-Produkte müssen 100 Prozent der eingezahlten Beiträge garantieren und können deshalb nur sehr konservativ anlegen. Wer in den vergangenen Jahren stattdessen auf breit gestreute Aktien-ETFs gesetzt hat, erzielte trotz fehlender Förderung in den meisten Fällen eine deutlich bessere Rendite. Genau das soll das neue Modell ändern.

So funktioniert das neue Altersvorsorgedepot ab 2027

Ab dem 1. Januar 2027 gibt es zwei Varianten der geförderten privaten Altersvorsorge. Die Sicherheits-Variante behält eine Beitragserhaltungsgarantie — wahlweise zu 100 oder zu 80 Prozent. Die Rendite-Variante, das eigentliche Altersvorsorgedepot, verzichtet vollständig auf Garantien und ermöglicht dafür eine Anlage in Aktien oder Fonds mit höheren Renditechancen.

Die Förderlogik ist dieselbe für beide Varianten. Was du an staatlichem Zuschuss erwarten kannst:

  • Auf Einzahlungen bis 360 Euro im Jahr: 50 Prozent Zuschuss vom Staat
  • Auf den Teil zwischen 360,01 Euro und 1.800 Euro: 25 Prozent Zuschuss
  • Maximale staatliche Förderung: 540 Euro pro Jahr bei 1.800 Euro Eigenbeitrag
  • Für jedes Kind: zusätzlich 1 Euro pro eingezahltem Euro, bis zu 300 Euro pro Kind
  • Wer den Vertrag vor dem 25. Geburtstag abschließt, erhält einmalig 200 Euro Bonus
  • Mindesteinzahlung für die Zulage: 120 Euro im Jahr

Zurück zu Stefan und Annalena. Stefan zahlt den Mindestbetrag von 120 Euro ein und bekommt dafür 60 Euro Grundzulage plus 120 Euro Kinderzulage pro Kind — insgesamt 300 Euro. Das sind 475 Euro weniger als bisher bei Riester. Annalena hingegen zahlt 1.800 Euro ein und kassiert die volle Förderung von 540 Euro, also 365 Euro mehr als bisher, dazu mit erheblich besseren Renditechancen.

Ehrlich gesagt: Für die große Mehrheit der Sparerinnen und Sparer in Deutschland ist das neue System attraktiver. Geringverdienende mit mehreren Kindern bilden die Ausnahme — für sie kann Riester unter dem Strich besser sein, sofern die Produktkosten das nicht zunichte machen.

Kosten können den Vorteil auffressen — hier musst du genau hinschauen

Auch das beste Fördersystem nützt wenig, wenn die Gebühren zu hoch sind. Bei sogenannten Standarddepot-Verträgen sind die Effektivkosten auf maximal 1 Prozent pro Jahr gedeckelt. Das BMF beschreibt das Standarddepot als besonders einfach handhabbares Produkt, das sich vor allem an Personen ohne Kapitalmarkterfahrung richtet und bei jedem zertifizierten Anbieter abgeschlossen werden kann.

Bei allen anderen Produkten außerhalb des Standarddepots gilt dieser Kostendeckel nicht. Achte deshalb mindestens auf folgende Kostenpositionen: Abschluss- und Vertriebskosten, laufende Verwaltungskosten für Vertrag und Depot, Fondskosten (TER bei ETFs und Fonds), Transaktionskosten beim Kauf und Verkauf sowie mögliche Kosten in der Auszahlungsphase für den Entnahmeplan oder die Verrentung.

Besteuerung bei Auszahlung: Wann das Depot steuerlich zum Nachteil werden kann

Ein echter Vorteil gegenüber einem ungeförderten Sparplan: In der Ansparphase fallen keine Steuern an. Bei einem normalen ETF-Depot greift die Abgeltungssteuer von 25 Prozent bereits während des Sparens und bremst den Zinseszinseffekt spürbar.

Allerdings gibt es eine Kehrseite. Im Altersvorsorgedepot entfällt die bei Aktienfonds sonst übliche Teilfreistellung von bis zu 30 Prozent. Bei der Auszahlung wird das gesamte geförderte Guthaben mit dem persönlichen Einkommensteuersatz versteuert. Wer im Alter hohe Gesamteinkünfte hat — etwa durch gesetzliche Rente und Mieteinnahmen — kann steuerlich schlechter abschneiden als mit einem nicht geförderten Depot. Die Verbraucherzentrale rät daher zur genauen Nachrechnung: Was bleibt nach Förderung minus Kosten minus Steuern tatsächlich übrig?

Was mit deinem bestehenden Riester-Vertrag passiert

Keine Panik, falls du bereits einen Riester-Vertrag hast: Es gilt Bestandsschutz. Verträge, die bis zum 31. Dezember 2026 abgeschlossen wurden oder werden, bleiben gültig. Du musst weder kündigen noch Förderung zurückzahlen.

Du hast die Wahl, deinen bestehenden Riester-Vertrag ins neue Fördermodell zu übertragen. Dabei können laut BMF Wechsel-, Abschluss- und Vertriebskosten anfallen. Im Gegenzug kannst du dann zwischen deinem bisherigen Produkt mit neuer Förderlogik, einem anderen Garantieprodukt oder einem vollwertigen Altersvorsorgedepot wählen.

Was Verbraucherschützer und die Fondsbranche zur Reform sagen

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) bezeichnet die Einigung als „Meilenstein” und spricht von einem guten Tag für alle, die privat vorsorgen müssen. Die Begeisterung ist aber nicht ungetrübt.

Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands Deutschland (VdK), bewertet das Depot „für sich genommen positiv” und hofft auf günstigere, transparentere Produkte. Gleichzeitig warnt sie davor, dass die Debatte um private Vorsorge das eigentliche Problem überdeckt: „Aktuell ist vorgesehen, Risiken wie die Erwerbsminderung oder den Todesfall nicht mehr mit abzusichern. Es ist dringend notwendig, dass die neue staatliche Förderung weiterhin verlässliche Absicherung bei diesen Risiken bietet”, erklärte Bentele gegenüber Utopia.de. Nicht jeder könne sich private Vorsorge überhaupt leisten.

Ein Sprecher des Bundesverbands Investment und Asset Management (BVI) nennt die Reform einen „epochalen Wandel” und begrüßt das Ende von Garantie- und Verrentungszwang. Er warnt jedoch vor Wettbewerbsverzerrungen, falls ein staatliches Standardprodukt aus Steuermitteln quersubventioniert werde und so private Anbieter vom Markt verdränge.

Was du jetzt — noch vor 2027 — entscheiden solltest

Das neue System ist für die meisten Menschen ein Fortschritt. Trotzdem gibt es konkrete Fragen, die du dir in den nächsten Monaten stellen solltest, bevor du im Januar 2027 einen Vertrag unterzeichnest:

Willst du ein Garantieprodukt mit 80 oder 100 Prozent Kapitalerhalt, oder ist dir ein Altersvorsorgedepot mit höheren Renditechancen lieber? Wie viel kannst und möchtest du monatlich sparen? Welche Kosten sind für dich akzeptabel? Ist dir Nachhaltigkeit bei der Geldanlage wichtig — und wenn ja, welche Kriterien soll dein Produkt konkret erfüllen?

Falls du zu den Geringverdienenden mit mehreren Kindern gehörst, lohnt sich ein genauer Vergleich beider Systeme noch in diesem Jahr. Denn wer bis zum 31. Dezember 2026 noch einen Riester-Vertrag abschließt, sichert sich den Bestandsschutz und kann später immer noch wechseln. Wer hingegen bisher gar nicht privat vorsorgt und das auch 2027 nicht tut, verzichtet auf bis zu 540 Euro staatliche Förderung pro Jahr — zuzüglich bis zu 300 Euro je Kind.

Die Frage, ob auch nachhaltige Fonds für das neue Depot zugelassen werden, ist noch nicht abschließend geregelt — das BMF schreibt Anbietern bislang lediglich vor, jährlich transparent zu informieren, ob und wie ökologische und soziale Kriterien bei der Anlage berücksichtigt werden.

Wer bis Januar 2027 seine Prioritäten kennt, wird den dann verfügbaren Produkten deutlich nüchterner gegenüberstehen können — und das ist der beste Schutz vor vorschnellen Entscheidungen.

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