Öko-Test Erdbeerchips: 34 Pestizide in einem Produkt – was das für Ihren Einkauf bedeutet

Die Packung wirkt harmlos: kleine, knusprige Scheiben, die nach Sommer und Obst aussehen. Erdbeerchips werden gerne als leichter Snack für Kinder in die Schultasche gesteckt oder als vermeintlich gesunde Alternative zu Gummibärchen gereicht. Was viele Eltern dabei nicht ahnen: Öko-Test hat in einem einzigen dieser Produkte 34 verschiedene Pestizidspuren nachgewiesen.

Das Magazin ließ 21 Erdbeerchips – darunter 14 Bio-Produkte – im Labor untersuchen, auf mehr als 500 Pestizide, auf die Schwermetalle Blei und Cadmium sowie auf Zucker- und Vitamin-C-Gehalt. Kein einziges Produkt erreichte das Urteil „sehr gut”, acht fielen durch. Die Frage, die der Test aufwirft, ist unangenehm: Wer greift hier noch unbesorgt zu?

34 Pestizide in einem einzigen Produkt – das steckt dahinter

Das Produkt mit dem erschreckendsten Befund sind die „Koro Erdbeerscheiben gefriergetrocknet”: Öko-Test wies darin 34 verschiedene Pestizidrückstände nach. Mehr als die Hälfte aller getesteten Produkte enthielt Mehrfachrückstände, und zwar nicht nur konventionelle – auch Bio-Chips waren betroffen.

Die gemessenen Mengen werden von Öko-Test ausdrücklich als sehr gering eingestuft und gelten nicht als akut giftig. Ein entscheidender Punkt bleibt aber offen: Wie sich solche Cocktails aus Dutzenden verschiedener Pestizidspuren bei regelmäßigem Konsum langfristig auf den Körper auswirken, ist wissenschaftlich nicht abschließend geklärt.

Zu beachten ist außerdem, wie der Trocknungseffekt die Zahlen verändert. Beim Gefriertrocknen wird dem Obst Wasser entzogen – dadurch konzentrieren sich auch Rückstände. Für die Grenzwertprüfung rechnete das Labor die Messwerte deshalb mit einem Trocknungsfaktor von zehn auf frische Erdbeeren zurück. Alle 21 Produkte halten die gesetzlichen Grenzwerte ein. Bei der Zählung der verschiedenen Pestizidrückstände im fertigen Produkt legte Öko-Test diesen Umrechnungsfaktor dagegen nicht zugrunde.

Captan, Cyprodinil, 2,4-D: Diese Pestizide bewertet Öko-Test besonders kritisch

Nicht jeder Rückstand wiegt gleich schwer. Öko-Test hebt drei Wirkstoffe besonders hervor, die in den getesteten Erdbeerchips nachgewiesen wurden:

  • Captan – gilt als krebsverdächtig
  • Cyprodinil – steht im Verdacht, das Hormonsystem zu stören
  • 2,4-D – wurde als besonders bedenklich eingestuft und als vermutlich krebserregend bewertet

Die Erdbeeren in den getesteten Chips stammten aus der Türkei, Ägypten, Marokko und China – Anbauländer mit teils anderen Zulassungsregeln für Pflanzenschutzmittel als in der EU.

Rewe und Seeberger mit „ungenügend” – wo Bio trotzdem auffällt

Besonders schlecht schnitten die „Rewe Beste Wahl gefriergetrocknete Erdbeeren” und die „Seeberger gefriergetrocknete Erdbeeren” ab: Beide erhielten das Gesamturteil „ungenügend”, in beiden Produkten wurden jeweils 23 Pestizide in Spuren gemessen.

Bio ist im Test kein Freifahrtschein. Zwar landen fünf Produkte mit „gut” im empfehlenswerten Bereich – darunter die Lidl Lupilu Bio Erdbeer-Fruchtchips (1,65 Euro pro 12 g) und die Kaufland Bio-Erdbeer-Fruchtchips (1,65 Euro pro 12 g) sowie die Edeka Bio Fruchtchips Erdbeere (1,75 Euro pro 12 g). Doch auch unter den Bio-Produkten wurden mehrere Pestizidrückstände nachgewiesen.

Cadmium trifft ausgerechnet Bio-Produkte härter

Ein zweites Schwermetallproblem betrifft Cadmium. In fünf Produkten wies das Labor erhöhte Cadmiumgehalte nach – und auffällig ist: Die Abwertungen betrafen ausschließlich Bio-Produkte. Die konventionellen Chips lagen unterhalb der von Öko-Test festgelegten Abwertungsgrenzen.

Cadmium ist ein giftiges Schwermetall, das Erdbeerpflanzen aus belasteten Böden aufnehmen können. Im menschlichen Körper reichert es sich an und kann bei langfristig hoher Aufnahme Nieren und Knochen schädigen. Dass gerade Bio-Produkte hier auffallen, hängt vermutlich damit zusammen, dass im Ökolandbau phosphatreiche Dünger eingesetzt werden, die natürlicherweise Cadmium enthalten können.

Bis zu 60 Gramm Zucker pro 100 Gramm – kein Obstsnack, sondern Süßigkeit

Neben den Schadstoffbefunden stellt Öko-Test auch die Nährwertseite der Chips infrage. Durch das Gefriertrocknen verlieren Erdbeeren ihr Wasser – der natürlich enthaltene Zucker konzentriert sich stark. Im Schnitt enthalten die getesteten Produkte rund 50 Gramm Zucker pro 100 Gramm, einzelne Produkte kommen auf bis zu 60 Gramm. Zum Vergleich: Frische Erdbeeren liegen bei etwa sieben Gramm Zucker auf 100 Gramm.

Es handelt sich dabei nicht um zugesetzten Zucker – die Chips bestehen in der Regel nur aus Erdbeeren. Der hohe Zuckerwert entsteht allein durch den Wasserentzug. Trotzdem hat das praktische Konsequenzen: Als vollwertiger Obstsnack taugen Erdbeerchips nicht, gerade bei Kindern sind sie eher als konzentrierte Süßigkeit einzuordnen.

Zusätzlich stellte das Labor bei neun von 21 Anbietern mehr Zucker fest, als auf der Verpackung angegeben war. Weniger Zucker als deklariert maß das Labor in keinem einzigen Produkt.

Was der Öko-Test für den nächsten Einkauf bedeutet

Die Packungsgrößen der getesteten Chips lagen bei zwölf Gramm und kosteten zwischen 1,20 und 2,99 Euro. Wer dennoch zu Erdbeerchips greift, findet mit den drei „gut”-Bewerteten von Lidl, Kaufland und Edeka verlässlichere Optionen – auch wenn keines der Produkte ohne jeden Befund blieb.

Für den Alltag gilt: Frische Erdbeeren sind zwischen Mai und Juli aus regionalen Quellen erhältlich und liefern das Gleiche ohne Konzentrationseffekte, ohne Pestizidrückstands-Cocktail und zu einem Bruchteil des Zuckergehalts der Chips-Variante. Wer die vollständigen Testergebnisse einsehen will, findet sie in der Öko-Test-Ausgabe 08/26.

Ob Öko-Test nach diesem Befund eine Nachprüfung einzelner Hersteller anregt oder ob die Ergebnisse Konsequenzen für die Produktzulassung im deutschen Handel haben werden, ist derzeit noch offen.

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