Berlins Haussperlinge brechen um 70 Prozent ein – und niemand weiß warum

Die Zahl der Haussperlinge in Berlin ist seit 2021 um rund 70 Prozent eingebrochen. Biologe Jörg Böhner von der Berliner Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft (BOA) beobachtet den Rückgang seit Jahren – und eine Erklärung gibt es bislang nicht.

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Auch der Naturschutzbund (Nabu) Berlin spricht auf Basis der Zählung „Stunde der Gartenvögel“ von einem „freien Fall“ der Spatzenbestände. „Es ist, als hätten sich die Spatzen in Luft aufgelöst“, heißt es beim Nabu.

Warum Nahrungsmangel und fehlende Nistplätze als Hauptursache ausscheiden

Nahrungsmangel könnte theoretisch einen Rückgang erklären – doch andere Singvogelarten sind davon nicht annähernd vergleichbar betroffen, erklärt Böhner. Auch fehlende Nistmöglichkeiten scheiden als Hauptgrund aus: Viele geeignete Niststätten bleiben schlicht leer.

Wegen der Geschwindigkeit und des Ausmaßes des Rückgangs hegt Böhner einen konkreten Verdacht: Eine Seuche könnte die Bestände dezimieren. Als mögliche Verursacher nennt er bestimmte Plasmodien, die Erreger der Vogelmalaria. Diese werden durch Stechmücken übertragen, die sich bei höheren Temperaturen schneller entwickeln. „Die Erreger und die Überträger – Stechmücken – fühlen sich bei höheren Temperaturen wohler und entwickeln sich schneller, der Klimawandel begünstigt ihr Vorkommen“, erklärt Böhner.

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Eine 2019 im Fachjournal „Open Science“ veröffentlichte Studie zu London zeigte einen Zusammenhang zwischen Plasmodium-Infektionen und den Überlebensraten von Spatzen. „Die Plasmodien töten die Vögel meist nicht direkt, aber sie können ihre Fitness vermindern“, so Böhner. Für Berlin existiert eine solche Analyse bisher nicht – sie ist jedoch in Planung.

Berlin galt lange als Spatzenhauptstadt Deutschlands

Rund 190.000 Brutpaare des Haussperlings (Passer domesticus) zählte die BOA 2021 in der Stadt. Anders als in Hamburg oder Köln war die Berliner Population lange stabil. Böhner führt das auf den Charakter der Stadt zurück: „Berlin ist weniger steril.“ Grünflächen werden seltener gemäht, fressbarer Abfall findet sich an vielen Ecken. „Je schmuddeliger, desto besser für den Spatz“, fasst er es zusammen. An diesem Merkmal hat sich laut Böhner in den vergangenen Jahren kaum etwas verändert – was den Einbruch noch schwerer erklärbar macht.

Weltweit ist der Haussperling nicht bedroht

Global betrachtet steht die Art gut da. Der Evolutionsbiologe Glenn-Peter Sætre schreibt in seinem aktuellen Buch „Der Spatz“, der Haussperling habe von allen wild lebenden Vogelarten die weltweit größte Verbreitung und sei womöglich sogar die zahlreichste Vogelspezies der Welt. Er komme auf allen Kontinenten außer der Antarktis vor.

Verbreitet hat ihn dabei vor allem der Mensch. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Haussperlinge aus England in die USA importiert – als Mittel gegen Insektenplagen. Binnen 35 Jahren habe sich der Spatz dort über fast die Hälfte des Landes ausgebreitet, erklärt Sætre.

Vom Pferdemist zum Insektenschwund: eine lange Geschichte des Rückgangs

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts profitierten Stadtspatzen massiv von Pferdemist und dem darin enthaltenen Getreide. Als das Automobil das Pferd ablöste, brachen die Bestände erstmals ein. Eine zeitweise Stabilisierung auf niedrigerem Niveau folgte – doch besonders in westeuropäischen Städten sank die Zahl danach weiter.

Zu den diskutierten Faktoren zählen der Verlust an Nistplätzen durch moderne Bauweise, zunehmende Umweltverschmutzung, mehr Fressfeinde wie Katzen und der massive Rückgang von Insekten.

Ein hochsozialer Vogel, der aus dem Stadtbild verschwindet

„Der Hausspatz ist ein sehr sozialer Vogel“, sagt Böhner. Brutkolonien bestehen oft aus 20 bis 30 Paaren samt Nachwuchs. Spatzen sind außerdem ausgesprochen standorttreu – manche Trupps halten sich fast ausschließlich an einem einzigen Ort auf. Ihr Verschwinden aus Berlins Straßen ist deshalb besonders auffällig.

Eine Analyse, die den Zusammenhang zwischen Plasmodium-Infektionen und dem Berliner Bestandseinbruch untersucht, ist angedacht, aber noch nicht durchgeführt.

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