Es ist kurz nach 17 Uhr, draußen schon dunkel, und du zündest die erste Kerze des Abends an. Der Docht fängt sofort Feuer, ein leiser Geruch nach heißem Wachs steigt auf — und irgendwo im Hinterkopf nagt die Frage, was da eigentlich gerade vor sich hin brennt. Paraffin? Palmöl? Etwas ganz anderes?
Die meisten Kerzen, die in deutschen Wohnzimmern brennen, bestehen aus Erdölprodukten oder enthalten Rohstoffe, für die Regenwald gerodet wird — auch wenn die Verpackung „Bio“ oder „natürlich“ verspricht. Dieser Ratgeber zeigt dir Schritt für Schritt, welche Kerzen du wirklich kaufen kannst, welche du meiden solltest und warum selbst das Teelicht auf dem Küchentisch eine ökologische Entscheidung ist.
Warum herkömmliche Kerzen ein Problem sind: Paraffin und Palmöl im Vergleich
Paraffin: Das Erdöl-Nebenprodukt, das in fast jeder Kerze steckt
Der weitaus größte Teil der im Handel erhältlichen Kerzen besteht aus Paraffin — einem Nebenprodukt aus Erdöl-Raffinerien. Der niedrige Schmelzpunkt macht Paraffin für Hersteller attraktiv: Es brennt schnell ab, ist günstig und lässt sich gut verarbeiten. Was dabei außen vor bleibt, ist die Herstellungskette dahinter. Öl ist endlich, der Abbau verursacht erhebliche Umweltschäden, und Tankerunglücke haben das in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder brutal sichtbar gemacht. Eine Kerze auf Paraffinbasis kann strukturell nicht nachhaltig sein — egal, wie sie verpackt ist.
Stearin und Palmöl: Wenn „pflanzlich“ in die Irre führt
Stearinkerzen gelten oft als die natürlichere Wahl. Stearin wird tatsächlich aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen, ist biologisch abbaubar, rußt weniger als Paraffin und brennt länger. Das klingt gut — ist aber nur die halbe Wahrheit.
Denn der Rohstoff hinter dem meisten Stearin ist Palmöl. Für die Plantagen, auf denen Ölpalmen wachsen, werden riesige Flächen tropischen Regenwalds vernichtet. Bei allen Stearinkerzen ohne genaue Herkunftsangabe musst du davon ausgehen, dass Palmöl darin steckt. Etwas weniger problematisch ist RSPO-zertifiziertes oder Bio-Palmöl aus nachhaltigem Anbau — aber auch das ist nicht die ideale Lösung.
Die Deutsche Umwelthilfe hat in ihrem Kerzencheck 2025 untersucht, welche Hersteller transparent über die Herkunft ihres Palmöls informieren. Gut abgeschnitten haben dabei Alnatura und Denns. Schlechte Noten gab es hingegen für Nanu Nana, Edeka und Bauhaus.
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Nachhaltige Bio-Kerzen aus Biomasse: Die günstigste echte Alternative
Kerzen aus nachwachsender Biomasse werden aus Fetten und Ölen hergestellt, die als Reststoffe in der Nahrungsmittelindustrie anfallen — also aus Rohstoffen, die sonst ungenutzt blieben. Das macht sie ökologisch doppelt sinnvoll: kein Erdöl, kein extra angebautes Palmöl.
Das recycelte Kerzenwachs brennt geruchsneutral ab, was für viele Menschen ein echter Vorteil gegenüber Duftkerzen ist. Dazu kommt, dass Biomasse-Kerzen im Vergleich zu Bienenwachs- oder Sojawachskerzen verhältnismäßig erschwinglich sind. Ein gutes Beispiel ist die Marke Biokema, die Kerzen und Teelichter aus Biomasse herstellt und unter anderem bei Hans Natur erhältlich ist.
Bienenwachs, Sojawachs, Raps: Drei Rohstoffe, die du kennen solltest
Bienenwachs — natürlich, aber nicht billig
Bienenwachskerzen duften angenehm und gelten als besonders hochwertig. Der Preis erklärt sich durch den Aufwand: Bienen sondern Wachs in Form winziger Plättchen ab — rund 1,2 Millionen davon ergeben ein Kilogramm reines Wachs. Das entspricht der Jahresproduktion eines gesamten Bienenvolkes. Kerzen aus Bienenwachs solltest du also bewusst und sparsam einsetzen, auch weil tierische Produkte grundsätzlich sorgfältig bewertet werden sollten.
Wichtig: Der Begriff „Bienenwachskerze“ ist rechtlich geschützt — er darf nur verwendet werden, wenn die Brennmasse ausschließlich aus unvermischtem Bienenwachs besteht. Achte außerdem auf die Herkunft des Wachses, am besten aus Deutschland oder Europa.
Sojawachs — schadstofffrei, aber gentechnikfrei kaufen
Kerzen aus Sojawachs sind meist handgegossen, schadstoffarm und optisch ansprechend. Sie eignen sich daher eher als besonderes Geschenk denn für den täglichen Gebrauch — schon allein, weil sie nicht gerade günstig sind. Beim Kauf solltest du darauf achten, dass das Soja gentechnikfrei angebaut wurde, idealerweise aus europäischem Anbau stammt. Eine große Auswahl bietet zum Beispiel der Avocadostore.
Rapswachs — regional, vegan, noch selten
Kerzen aus Rapswachs sind die vielleicht konsequenteste lokale Lösung: Raps wächst in Deutschland und ganz Europa, das Wachs ist vegan und — wenn handwerklich hergestellt — kaum mit bedenklichen Zusätzen belastet. Du solltest allerdings darauf bestehen, dass es sich um reines Rapswachs handelt und nicht um Mischungen mit Paraffin oder Stearin. Die Marke Stuwa stellt solche Kerzen her und ist bei Alnatura sowie online erhältlich.
Kerzen selbst gießen: Der nachhaltigste Weg, alte Wachsreste zu nutzen
Wer zuhause alte Kerzenreste angesammelt hat, sitzt auf einem kleinen Rohstofflager. Einschmelzen, einen neuen Docht einsetzen, in eine Form gießen — fertig ist eine neue Kerze ohne jeden Neukauf. Wiederverwerten ist konsequenter als die beste Bio-Kerze zu bestellen.
Wer keine Kerzenreste hat, kann mit Wachsgranulat oder -pastillen starten. Achte dabei auf Bio-Qualität, etwa Bienenwachspastillen von Anbietern wie Little Bee Fresh oder Nicama über den Avocadostore. So weißt du genau, was in deiner Kerze steckt — und kannst bei Duftkerzen selbst bestimmen, welche ätherischen Öle hineinkommen.
Teelichter ohne Aluschale und 8 Tipps für den sicheren Umgang mit Kerzen
Teelichter stecken fast immer in kleinen Schälchen aus Aluminium — einem Rohstoff, der zu wertvoll ist, um nach einmaligem Gebrauch im Müll zu landen. Die bessere Lösung sind hüllenlose Teelichter in wiederverwendbaren Teelichtgläsern, idealerweise aus Recyclingglas. Biokema bietet hüllenlose Öko-Teelichter an, passende Gläser gibt es zum Beispiel bei Memolife.
Unabhängig davon, welche Kerze du wählst, gilt beim Umgang mit offenem Feuer Folgendes:
- Kerzen niemals unbeaufsichtigt brennen lassen.
- Immer auf eine hitzefeste Unterlage stellen — ein feuerfester Teller oder ein Kerzenhalter aus Glas reicht aus.
- Regelmäßig lüften: Brennende Kerzen verbrauchen Sauerstoff und verschlechtern die Raumluft.
- Kurz durchlüften, bevor du die erste Kerze anzündest — und nachdem du die letzte ausgeblasen hast.
- Mehrere Kerzen mit ausreichendem Abstand aufstellen, um die Brandgefahr zu senken.
- Den Docht auf etwa 1 bis 2 cm kürzen, wenn die Kerze anfängt zu rußen.
- Das RAL-Gütezeichen Kerzen beachten: Kerzen mit diesem Siegel erfüllen besonders strenge Grenzwerte für Schadstoffe — es ist wenig bekannt, aber ein verlässliches Qualitätsmerkmal.
- Bei Duftkerzen sparsam bleiben und anschließend gründlich lüften; wer Inhaltsstoffe selbst kontrollieren möchte, stellt Duftkerzen am besten selbst her.
Woran du beim Kauf erkennst, ob eine Kerze wirklich nachhaltig ist
Letztlich läuft es bei jeder Kerze auf dieselbe Checkliste hinaus. Der Rohstoff muss auf der Verpackung klar benannt sein — „Stearin“ allein reicht nicht, weil dahinter in den meisten Fällen Palmöl steckt. Soja sollte gentechnikfrei und möglichst aus Europa stammen. Raps aus Deutschland ist die regionalste Wahl. Bei Bienenwachs ist die Herkunft entscheidend. Und bei Biomasse-Kerzen lohnt ein Blick auf den Hersteller, nicht nur auf das Label.
Wer den Aufwand scheut, ist mit dem Kerzencheck 2025 der Deutschen Umwelthilfe gut bedient: Die Ergebnisse zeigen auf einen Blick, welche Marken transparent agieren und welche nicht — und welcher Supermarkt beim nächsten Einkauf eine andere Wahl verdient.
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