Der Heizungskeller riecht nach altem Öl, die Heizkörper sind aus den Achtzigern, und die Dämmung lässt zu wünschen übrig — trotzdem steht die Frage im Raum: Könnte hier eine Wärmepumpe funktionieren? Viele Hauseigentümer verwerfen den Gedanken reflexartig, weil sie glauben, dafür müsse man erst ein Vermögen in die Sanierung stecken oder gleich neu bauen.
Dieser Gedanke ist oft falsch. Es gibt einen simplen Test, der innerhalb von maximal 72 Stunden eine belastbare Antwort liefert — ohne Handwerker, ohne Kosten, ohne Umbau. Stephan Herpertz, Energieberater der Verbraucherzentrale NRW im Rhein-Sieg-Kreis, empfiehlt ihn als ersten Schritt jedem, der über eine Wärmepumpe nachdenkt.
Warum die Vorlauftemperatur über alles entscheidet
Eine Wärmepumpe arbeitet umso effizienter, je niedriger die Temperatur ist, auf die sie das Heizwasser erwärmen muss. Diese sogenannte Vorlauftemperatur — also die Temperatur des Wassers auf dem Weg von der Heizung zu den Heizkörpern — ist das entscheidende Maß. Bei schlecht gedämmten Altbauten mit kleinen Heizkörpern können dafür bis zu 90 Grad Celsius nötig sein. Moderne Gebäude mit Fußbodenheizung kommen dagegen oft mit 30 bis 40 Grad aus.
Laut Herpertz kann eine Wärmepumpe als alleiniger Wärmeerzeuger betrieben werden, wenn sich ein Gebäude selbst an kalten Wintertagen — also bei Temperaturen unter 0 Grad — mit einer Vorlauftemperatur von rund 50 Grad ausreichend beheizen lässt. Viele Fachleute setzen die Schwelle inzwischen bei 55 Grad an, um auch ungünstige Witterungsbedingungen einzurechnen.
So funktioniert der 55-Grad-Test in 3 Schritten
Der Test lässt sich ohne Fachbetrieb durchführen. Alles, was man braucht, ist Zugang zur Heizungssteuerung und einige Tage mit echter Winterkälte draußen.
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- Vorlauftemperatur begrenzen: An der Heizung die maximale Vorlauftemperatur auf 50 beziehungsweise 55 Grad einstellen. Herpertz erklärt: „Man muss an die Heizung gehen und die Heizkurve herunterstellen.“ Die Heizkurve ist ein Diagramm, das die Vorlauftemperatur in Abhängigkeit von der Außentemperatur regelt — sie sollte möglichst flach verlaufen. Wie das konkret geht, steht entweder in der Bedienungsanleitung oder lässt sich beim Heizungsbetrieb erfragen.
- Thermostate korrekt einstellen: Die Thermostate an den Heizkörpern auf die gewünschte Raumtemperatur stellen und dann unangetastet lassen. Stufe 3 entspricht etwa 20 Grad Celsius, Stufe 4 etwa 24 Grad.
- Beobachten und abwarten: Werden alle Räume ausreichend warm? Hält die Temperatur auch nachts? Genau das ist die Kernfrage des Tests.
Der Test muss während einer echten Kälteperiode im Winter stattfinden — und mindestens einen bis drei Tage am Stück. Das Informationsprogramm „Zukunft Altbau“, gefördert vom Umweltministerium Baden-Württemberg, hält eine Dauer von 24 bis 72 Stunden in den meisten Fällen für ausreichend. In massiv gebauten Häusern braucht es etwas länger als in leichter Bauweise.
Was das Ergebnis konkret bedeutet
Bleibt es in allen Räumen angenehm warm, obwohl die Vorlauftemperatur auf 50 oder 55 Grad begrenzt war? Dann ist das Gebäude wärmepumpenfit — und zwar so, wie es ist. „Wenn das funktioniert, habe ich gute Voraussetzungen, bei dem Gebäude, so wie es ist, eine Wärmepumpe ökonomisch und ökologisch effizient zu betreiben“, sagt Herpertz. „Zukunft Altbau“ ergänzt: Je wärmer es draußen ist, desto geringer darf dabei die ausreichende Vorlauftemperatur sein — ein Puffer, den man im Hinterkopf behalten sollte.
Werden einzelne Räume trotz voll geöffneter Thermostate nicht warm, ist das Ergebnis negativ. Das ist kein Urteil über die Wärmepumpe selbst, sondern ein Hinweis auf den energetischen Zustand des Gebäudes. Ohne Verbesserungen würde eine Wärmepumpe hier zu hohe Vorlauftemperaturen benötigen und entsprechend ineffizient arbeiten.
Wenn der Test scheitert: Welche Maßnahmen wirklich helfen
Ein negatives Ergebnis bedeutet nicht zwangsläufig eine Kernsanierung. Oft reichen deutlich kleinere Eingriffe. Herpertz nennt drei Ansätze, die vor einem Heizungstausch geprüft werden sollten:
Erstens: die Heizlast neu berechnen und einen hydraulischen Abgleich vornehmen lassen. Der Abgleich sorgt dafür, dass das Heizwasser gleichmäßig durch alle Heizkörper fließt — ein häufig unterschätzter Effizienzgewinn. Außerdem ist er Voraussetzung, um staatliche Förderung für eine neue Wärmepumpe zu erhalten. Zweitens: einzelne, zu kleine Heizkörper gegen größere Modelle austauschen. Schon das kann die nötige Vorlauftemperatur spürbar senken. Drittens: In Altbauten, die sich kaum sanieren lassen, kommen spezielle Hochtemperatur-Wärmepumpen in Frage — sie arbeiten mit höheren Vorlauftemperaturen, sind laut Bundesverband Wärmepumpe (BWP) aber etwas weniger effizient als Standardmodelle.
Der Test lohnt sich auch ohne geplante Wärmepumpe
Wer gar nicht plant, in absehbarer Zeit auf eine Wärmepumpe umzusteigen, sollte den Test trotzdem machen. Denn eine niedrigere Vorlauftemperatur senkt auch bei bestehenden Gas- oder Ölbrennwertheizungen den Energieverbrauch. Gerade bei Ölheizungen ist das laut Herpertz besonders wichtig: Bei zu hohen Vorlauftemperaturen arbeiten sie gar nicht mehr im effizienten Brennwertbetrieb. Die Vorlauftemperatur sollte hier zwischen 50 und 55 Grad liegen, maximal bei 60 Grad.
Wer den Test erfolgreich abschließt, sollte die neue, niedrigere Einstellung dauerhaft beibehalten. „Dann spare ich ab sofort schon Energie ein und habe für später gute Voraussetzungen geschaffen, eine Wärmepumpe einzubauen“, fasst Herpertz zusammen.
Warmwasser: Was der Test nicht abdeckt
Ein wichtiger Vorbehalt: Der 55-Grad-Test sagt ausschließlich etwas darüber aus, ob sich das Gebäude ausreichend heizen lässt. Die Warmwasserversorgung ist eine separate Frage. Wärmepumpen können das Brauchwasser vorwärmen, oft sind aber ergänzende Lösungen nötig — etwa Durchlauferhitzer für die letzte Temperaturstufe oder eine eigenständige Brauchwasserwärmepumpe, die in der Anschaffung deutlich günstiger ist als eine vollwertige Heiz-Wärmepumpe. Wer eine Photovoltaikanlage betreibt, kann überschüssigen Solarstrom außerdem über einen Heizstab zur Warmwasserbereitung nutzen.
Grundsätzlich gilt: Ökologisch sinnvoll ist der Betrieb einer Wärmepumpe vor allem dann, wenn der benötigte Strom aus erneuerbaren Quellen stammt. Eine eigene PV-Anlage reicht im Winter in den meisten Fällen nicht aus, um den gesamten Strombedarf zu decken — ein Ökostromtarif schließt diese Lücke.
Wer nach dem Test weiß, dass sein Gebäude grundsätzlich geeignet ist, steht vor der nächsten konkreten Frage: welche Wärmepumpe in Größe, Typ und Förderhöhe tatsächlich passt.
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