Es steht im Regal zwischen Agavendicksaft und Ahornsirup, die Flasche trägt das Bio-Siegel, der Preis liegt deutlich über dem von Haushaltszucker – und viele greifen trotzdem zu. Reissirup hat den Ruf, die sanftere, natürlichere Alternative zu sein. Ein goldener, zäher Saft, der irgendwie nach gesunder Küche klingt.
Doch was steckt wirklich dahinter? Ist Reissirup tatsächlich besser für den Körper, oder kauft man im Wesentlichen nur eine andere Verpackung für dasselbe Problem? Die Antwort ist differenzierter, als das Etikett vermuten lässt.
So wird Reissirup hergestellt – und warum die Herkunft entscheidend ist
Bei der Herstellung wird gemahlener Reis maschinell erwärmt und anschließend enzymatisch aufgespalten, sodass die im Korn gebundenen Zuckerstoffe freigesetzt werden. Der entstehende Saft läuft durch Filter und wird schließlich eingedickt. Das Ergebnis: ein vollständig pflanzliches Produkt ohne tierische Zutaten, das sich als vegane Alternative zu Honig eignet. In Japan ist Reissirup seit Jahrhunderten ein fester Bestandteil der traditionellen Küche.
Das Problem liegt weniger im Produkt selbst als in seinem Ursprung. Reis wächst vor allem in China, Thailand und Indien – und der lange Transportweg vom Anbaugebiet bis ins deutsche Supermarktregal belastet die Ökobilanz erheblich. In geringem Ausmaß wird Reis auch im Süden Europas angebaut, etwa in Italien und Spanien. Wer beim Kauf auf die Herkunftsangabe achtet und zu europäischem Reis greift, reduziert diesen ökologischen Fußabdruck spürbar. Der Bio-Reissirup des deutschen Anbieters Reishunger stammt laut Unternehmensangaben beispielsweise aus Italien.
Grundsätzlich empfiehlt sich außerdem Bio-Qualität: Konventionell angebauter Reis kann Rückstände chemisch-synthetischer Pestizide enthalten, die sowohl die menschliche Gesundheit als auch Insektenpopulationen belasten.

319 Kilokalorien pro 100 Gramm: Was die Nährwerte wirklich sagen
Wer die Nährwerttabelle liest, stößt auf eine erste Überraschung. Reissirup enthält laut Reishunger rund 319 Kilokalorien pro 100 Gramm, Bio-Rübenzucker von Alnatura kommt auf 388 Kilokalorien – das klingt nach einem Vorteil für den Sirup. Doch der Vergleich hinkt.
Mehr zum Lesen
Haushaltszucker besteht zu nahezu 100 Prozent aus Kohlenhydraten, bei Reissirup sind es rund 80 Prozent. Davon wiederum machen eigentliche Zuckermoleküle etwa 60 Prozent aus. Das erklärt, warum Reissirup merklich weniger süß schmeckt als Zucker: Man braucht schlicht mehr davon, um dieselbe Süßkraft zu erreichen – womit der scheinbare Kalorienunterschied schnell wieder ausgeglichen wird.
Hinzu kommt: Eine Ernährungswissenschaftlerin der Northwestern University hat darauf hingewiesen, dass der menschliche Körper Reissirup biochemisch genauso verarbeitet wie gewöhnlichen Zucker. Die Zuckermoleküle sind für den Organismus nicht unterscheidbar. Besonders unangenehm: Reissirup hat sogar einen höheren glykämischen Index als Haushaltszucker. Das bedeutet, der Blutzucker steigt nach dem Konsum besonders schnell an – und fällt ebenso schnell wieder ab, was das Sättigungsgefühl verkürzt und Heißhunger begünstigt. Nennenswerter Gehalt an Vitaminen oder Mineralstoffen? Fehlanzeige.

Reissirup bei Fructoseintoleranz: Klarer Vorteil, aber kein Freifahrtschein
Hier gibt es tatsächlich einen echten Pluspunkt. Für Menschen mit Fructosemalabsorption oder Fructoseintoleranz ist die Suche nach verträglichen Süßungsmitteln oft mühsam. Reissirup enthält von Natur aus kaum Fructose – laut der Verbraucherzentrale Bayern ist diese „nur in Spuren enthalten“, was ihn für Betroffene in vielen Fällen gut verträglich macht.
Agavendicksaft, der häufig als gesunde Alternative vermarktet wird, scheidet für diese Gruppe übrigens aus: Er enthält besonders viel Fructose. Reissirup besteht stattdessen hauptsächlich aus Glucose und Maltose. Beide Zuckerformen beeinflussen jedoch ebenfalls den Blutzucker, weshalb auch bei Fructoseintoleranz die Gesamtmenge im Blick behalten werden sollte.
Arsen im Reissirup: Was die EU-Verordnung von April 2023 bedeutet
Reis nimmt das natürlich im Boden vorkommende Schwermetall Arsen über das Wasser auf – und damit kann es auch in Reisprodukten landen, einschließlich Reissirup. Die Europäische Union hat seit April 2023 mit der Verordnung (EU) 2023/915 reagiert: Sie legt verbindliche Höchstmengen für anorganisches Arsen auch in Reismehl und alkoholfreien Getränken auf Reisbasis fest.
Für Erwachsene, die Reissirup gelegentlich verwenden, ist das Risiko laut Verbraucherzentrale gering. Besondere Vorsicht gilt jedoch bei Säuglingen und Kleinkindern: Sie nehmen im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht deutlich mehr Nahrung auf und reagieren empfindlicher auf Arsenbelastungen. Europäischer Reis – etwa aus Italien oder Spanien – ist laut Verbraucherzentrale in der Regel geringer mit Arsen belastet als Reis aus Südostasien. Auch hier spricht also vieles für einen bewussten Blick auf die Herkunftsangabe.

Reissirup verwenden: Im Joghurt gut, im Kühlschrank haltbar
Der milde, leicht süßliche Eigengeschmack von Reissirup macht ihn vielseitig einsetzbar. Er eignet sich zum Süßen von Joghurt oder Porridge, als Süßungsmittel in Teigen für Kuchen, Muffins und Keksen sowie zum Karamellisieren. Da er keinen aufdringlichen Nachgeschmack hinterlässt, fügt er sich unauffällig in viele Rezepte ein.
Nach dem Öffnen sollte die Flasche im Kühlschrank aufbewahrt werden, um die Haltbarkeit zu verlängern. Dort hält sich Reissirup mehrere Wochen bis Monate – manche Hersteller geben sogar eine Haltbarkeit von bis zu einem Jahr an.
Kein Wundermittel, aber auch kein Teufelszeug – die ehrliche Einordnung
Es gibt keine belastbaren Belege dafür, dass Reissirup gesünder ist als herkömmlicher Haushaltszucker. Wer ihn kauft, bekommt kein Superfood – sondern ein Süßungsmittel mit ähnlichem Stoffwechselverhalten, das zudem schneller den Blutzucker anhebt. Die einzige wirklich relevante Ausnahme bildet die Fructoseintoleranz, wo Reissirup ein sinnvoller Ersatz sein kann.
Ökologisch schlägt europäischer Reissirup Ahornsirup aus Kanada oder Agavendicksaft aus Mexiko – aber heimische Alternativen wie Apfel- oder Birnendicksaft, Zuckerrübensirup oder Rübenzucker aus deutschem Anbau schneiden noch besser ab.
- Kalorien: ~319 kcal pro 100 g (Reissirup) vs. 388 kcal (Bio-Rübenzucker) – klingt besser, relativiert sich durch den höheren Verbrauch
- Kohlenhydrate: ~80 Prozent, davon ~60 Prozent Zuckermoleküle
- Glykämischer Index: höher als Haushaltszucker – Blutzucker steigt schneller an
- Fructose: nur in Spuren enthalten – vorteilhaft bei Fructoseintoleranz
- Arsen: EU-Höchstwerte seit April 2023 geregelt; europäischer Reis geringer belastet
- Haltbarkeit: nach dem Öffnen im Kühlschrank bis zu einem Jahr

Wer Reissirup trotzdem ausprobieren möchte, greift am besten zu einem Bio-Produkt aus europäischem Anbau – und behält dabei im Hinterkopf, dass die Gesamtmenge an zugesetztem Zucker in der Ernährung letztlich wichtiger ist als die Wahl des Süßungsmittels.
Ihre Meinung hilft uns










Das Gespräch geht weiter
Kommentare