Erschöpfung ist nicht dasselbe wie Müdigkeit – und das ist der entscheidende Unterschied: Bei echter Erschöpfung reichen eine Nacht Schlaf, ein freies Wochenende oder ein Urlaub oft nicht aus, um sich wieder zu erholen. Das sagt Julia Wohlfarth, Physiotherapeutin aus München, die zu diesem Thema ein Buch veröffentlicht hat.
Erschöpfung ist laut Wohlfarth kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern ein Symptom – und es zeigt sich von Mensch zu Mensch verschieden. Manche fühlen sich innerlich leer und kraftlos, andere sind gleichzeitig müde und angespannt. „Erschöpfung ist nicht nur körperlich und auch nicht nur psychisch oder emotional zu betrachten“, so Wohlfarth. Ihr Alltag leidet spürbar darunter: „Erschöpfung hält uns davon ab, etwas für uns zu tun, und kostet wahnsinnig viel Lebensqualität.“
Erst hinspüren: Unruhig oder wie abgeschaltet?
Bevor man nach einer Lösung sucht, empfiehlt Wohlfarth genauer in sich hineinzuhören. Fühlt sich der Körper eher unruhig an – oder eher wie abgeschaltet? Wann tritt die Erschöpfung auf: morgens, abends, nach der Arbeit? Welche Gedanken sind dann da?
Hilfreich kann es auch sein, die sogenannten „Energiefresser“ im eigenen Leben zu identifizieren: Nach welchen Aufgaben, Gewohnheiten oder Treffen ist besonders wenig Kraft übrig? Lassen sich diese Situationen so verändern, dass sie weniger zehrend sind? Und welche Aktivitäten geben umgekehrt Energie zurück?
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Kurze Übungen mit niedriger Hürde
In ihrem Buch 1-Minuten-Strategie Erschöpfung: Soforthilfe bei Überlastung, Unruhe und innerer Anspannung stellt Wohlfarth kurze Strategien vor, die genau dort ansetzen. Der Gedanke dahinter: Wer bereits überlastet ist, erlebt tägliche Meditation, ausführliches Journaling oder Sport womöglich als zusätzliche Belastung. Eine Minute hingegen wirkt machbar. „Bei einer Minute sagen die Menschen: ‚Das schaffe ich.'“
Für Menschen, die Erschöpfung vor allem als innere Unruhe erleben, empfiehlt Wohlfarth eine einfache Bewegungsabfolge: aufrecht stehen und die Arme locker ausschwingen lassen, bis sie den Körper berühren. Das helfe, die innere Unruhe abzubauen und im Moment etwas Energie zurückzugewinnen.
Wer sich dagegen eher wie abgeschaltet fühlt, kann Arme, Beine und Gesicht sanft mit den Fingerspitzen abklopfen. Diese Technik soll helfen, wieder stärker im Körper und im Augenblick anzukommen und sich vorsichtig zu aktivieren.
„Eine einminütige Übung heilt keine Erschöpfung“, stellt Wohlfarth klar. Sie kann jedoch einen Moment der Entlastung schaffen und das Gefühl zurückgeben, selbst etwas bewirken zu können. Langfristig sollen solche kleinen Schritte die eigene Erholungsfähigkeit stärken – nicht durch radikale Veränderungen, sondern durch Gewohnheiten, die sich tatsächlich in den Alltag einfügen.
Wann ärztliche Abklärung notwendig ist
Selbsthilfe ersetzt keine medizinische Abklärung. „Grundsätzlich sage ich immer: Bitte alle Symptome ärztlich abklären lassen“, betont Wohlfarth. Das gilt besonders dann, wenn bereits kleinste Belastungen – etwa kurzes Gehen – starke Erschöpfung auslösen. Auch bei extremer innerer Leere, Hoffnungslosigkeit oder Sinnverlust ist professionelle Unterstützung wichtig.
Wohlfarths zentraler Rat für den Alltag: nicht gegen den Körper zu arbeiten, sondern ihm freundlich zu begegnen. Oft habe der Körper lange kompensiert, bevor die Erschöpfung überhaupt spürbar wurde.
Hinweis: Wer mit psychischen Problemen kämpft, sollte sich professionelle Hilfe holen. Die Telefonseelsorge ist kostenlos und anonym erreichbar unter 0800 / 111 0 111. Für Jugendliche gibt es die Nummer gegen Kummer unter 116 111.
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