Schwierige Kolleginnen und Kollegen machen den Arbeitsalltag anstrengend – doch hinter dem Stress stecken oft mehrere Ursachen gleichzeitig. Die Psychologin und Mediatorin Melanie Berger beschreibt fünf Mechanismen, die dabei eine Rolle spielen können. Nicht alle sind wissenschaftlich gleich gut belegt, aber die Grundidee ist relevant: Schwierige soziale Situationen lösen automatische emotionale und gedankliche Reaktionen aus, die wiederum das eigene Verhalten beeinflussen.
Ob ein Konflikt entsteht, liegt dabei nicht immer nur an einer Person. Manchmal verhält sich ein Gegenüber tatsächlich schwierig, manchmal treffen unterschiedliche Erwartungen aufeinander, und manchmal verstärken Zeitdruck, Überlastung oder unklare Zuständigkeiten eine Situation zusätzlich.
1. Emotionale Ansteckung: Die Stimmung anderer überträgt sich

Ein Kollege kommt schlecht gelaunt ins Büro, antwortet einsilbig und knallt die Tür zu – und kurz darauf bist du selbst gereizter als zuvor. In der Forschung wird dieses Phänomen als emotionale Ansteckung bezeichnet: Menschen reagieren auf die Emotionen anderer und können Stimmungen in sozialen Situationen übernehmen.
Wenn du merkst, dass die Laune deines Gegenübers auf dich überspringt, hilft zunächst eine kurze Pause. Frag dich: „Bin ich wegen dieser Situation wirklich genervt – oder habe ich die Stimmung des anderen übernommen?“ Diese kurze Unterbrechung kann verhindern, dass du automatisch in dieselbe Stimmung einsteigst. Das bedeutet nicht, unangenehmes Verhalten einfach hinzunehmen – du kannst eine Grenze setzen, ohne die Emotion der anderen Person zu deiner eigenen zu machen.
2. Starke emotionale Reaktionen: Warum Kritik wie ein Angriff wirken kann

Eine Kollegin kritisiert deine Arbeit vor dem gesamten Team. Noch bevor du darüber nachdenken kannst, wirst du wütend oder spürst den Drang, dich sofort zu verteidigen. Melanie Berger beschreibt diesen Vorgang als „Amygdala-Hijacking“ – vereinfacht die Vorstellung, dass eine starke emotionale Reaktion überlegtes Handeln kurzfristig erschwert.
Wissenschaftlich ist das Gehirn allerdings nicht so klar in einen emotionalen und einen rationalen Teil aufgeteilt. Die Amygdala verarbeitet Bedrohungsreize, arbeitet dabei aber mit präfrontalen Hirnregionen zusammen, die an der Emotionsregulation beteiligt sind. Studien zeigen, dass diese Systeme miteinander verbunden sind und sich gegenseitig beeinflussen.
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Gerade bei Kritik oder persönlichen Angriffen kann es deshalb sinnvoll sein, nicht sofort zu antworten. Ein paar Sekunden Pause, ein Glas Wasser oder ein kurzer Gang aus dem Raum geben dir Abstand zur ersten Reaktion. Eine mögliche Formulierung: „Ich möchte darauf eingehen, aber nicht spontan. Lass uns das nach dem Meeting besprechen.“
3. Kognitive Verzerrungen: Das Gehirn füllt Lücken mit Annahmen

Ein Kollege grüßt dich morgens nicht, und du vermutest sofort, dass er sauer auf dich ist. In Wirklichkeit weißt du das nicht. Unser Denken arbeitet häufig mit Abkürzungen, und bei unvollständigen Informationen entstehen so systematische Verzerrungen.
Dazu gehört der Bestätigungsfehler, bei dem bevorzugt Informationen wahrgenommen werden, die zu bestehenden Annahmen passen, sowie der Negativitätsbias, durch den negative Informationen besonders viel Aufmerksamkeit erhalten. Auch der fundamentale Attributionsfehler kann eine Rolle spielen: Bei anderen führen wir Verhalten eher auf die Persönlichkeit zurück, während wir situative Gründe weniger berücksichtigen – bei uns selbst ist es umgekehrt.
Es hilft, Beobachtung und Interpretation bewusst zu trennen. „Sie hat meine Frage heute nicht beantwortet“ ist eine Beobachtung. „Sie ignoriert mich absichtlich“ ist eine Interpretation. Bevor du entsprechend reagierst, lohnt sich die Frage: Welche andere Erklärung könnte es noch geben?
4. Zugehörigkeit am Arbeitsplatz: Warum Ausgrenzung besonders belastet

Arbeitsplätze sind soziale Orte. Es geht dort nicht nur um Aufgaben und Gehalt, sondern auch um Zusammenarbeit, Anerkennung und Zugehörigkeit. Wenn Kolleginnen oder Kollegen andere ausschließen, ignorieren oder offen ablehnen, kann das besonders belasten.
Forschung zu sozialer Ausgrenzung am Arbeitsplatz zeigt Zusammenhänge mit verschiedenen negativen Folgen für Wohlbefinden und Arbeitsverhalten. Eine Meta-Analyse mit 95 unabhängigen Stichproben und über 25.000 Personen stellte unter anderem Zusammenhänge mit geringerem Zugehörigkeitsgefühl, geringerer Arbeitszufriedenheit und emotionaler Erschöpfung fest.
Wenn du einer Kollegin widersprechen möchtest, aber befürchtest, danach im Team schlechter dazustehen, kann es helfen, beides bewusst zu trennen: „Ich möchte weiterhin gut mit dem Team zusammenarbeiten – und trotzdem bin ich mit diesem Punkt nicht einverstanden.“ Professionelle Zusammenarbeit bedeutet nicht, immer einer Meinung zu sein. Wiederholte Ausgrenzung sollte allerdings nicht als persönliche Empfindlichkeit abgetan werden; sie kann eine relevante psychosoziale Belastung am Arbeitsplatz sein.
5. Selbstwertschutz: Warum sachliche Kritik trotzdem trifft

Eine Kollegin weist auf einen Fehler in deiner Präsentation hin. Der Hinweis ist inhaltlich vielleicht berechtigt, trotzdem fühlst du dich sofort angegriffen. Das kann mit Selbstwertschutz zusammenhängen: Kritik an einer konkreten Leistung fühlt sich schnell wie eine Bewertung der eigenen Person an – besonders dann, wenn berufliche Leistung einen großen Teil des eigenen Selbstbilds ausmacht.
Forschung zu Selbstwertbedrohungen zeigt, dass Menschen auf Informationen, die ihr positives Selbstbild infrage stellen, unterschiedlich reagieren – darunter mit defensiven Reaktionen.
Fragen, die bei jedem Konflikt weiterhelfen
Du musst nicht jeden Konflikt psychologisch analysieren. Ein paar gezielte Fragen können aber helfen, eine Situation besser einzuordnen:
- Was ist tatsächlich passiert?
- Was davon ist meine Interpretation?
- Welche Emotion löst das Verhalten bei mir aus?
- Welche Grenze wird möglicherweise überschritten?
- Welche Rolle spielen Zeitdruck, Arbeitsmenge oder unklare Zuständigkeiten?
- Muss ich das Problem selbst lösen – oder ist Unterstützung angebracht?
Bei einem einmaligen Streit reicht oft etwas Abstand. Bei wiederholtem respektlosem Verhalten kann ein klärendes Gespräch sinnvoll sein. Geht ein Konflikt über längere Zeit weiter oder entwickelt er sich zu Mobbing, Belästigung oder Drohungen, solltest du Unterstützung durch eine Führungskraft, den Betriebsrat oder eine andere zuständige Stelle in Anspruch nehmen.
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