Das Shampoo trägt ein grünes Blatt im Kreis, der Joghurt wirbt mit „umweltverträglich”, die Waschmittelpackung verspricht „klimaneutrales Waschen”. Wer dieser Tage durch einen deutschen Supermarkt läuft, ertrinkt geradezu in grünen Versprechen — und hat oft keine verlässliche Möglichkeit zu prüfen, ob dahinter tatsächlich etwas steckt.
Das ändert sich ab dem 27. September 2026. Dann tritt die EU-Richtlinie zur Stärkung der Verbraucher für den ökologischen Wandel — bekannt als EmpCo-Richtlinie — in Deutschland in Kraft. Was das konkret bedeutet, erklärt Joscha Steybe, Senior Consultant bei der Nachhaltigkeitsberatung SAIM.
EmpCo-Richtlinie: Was ab 27. September konkret verboten ist
„Ab September gilt: Sagen, was ist”, fasst Steybe die Kernlogik der neuen Regeln zusammen. Unternehmen dürfen allgemeine positive Umweltaussagen über Produkte nur noch dann machen, wenn sie dafür anerkannte Nachweise vorweisen können.
Die wichtigsten Verbote im Überblick:
- Begriffe wie „nachhaltig”, „umweltfreundlich” oder „grün” sind ohne belegtes Label unzulässig — anerkannt bleiben etwa der Blaue Engel, das EU-Ecolabel oder das EU-Bio-Logo.
- Der Claim „klimaneutral” ist verboten, wenn er ausschließlich auf CO₂-Kompensationsmaßnahmen beruht — also darauf, dass ein Unternehmen seine Emissionen durch Baumpflanzprojekte oder ähnliches „ausgleicht”.
- Selbst erfundene Nachhaltigkeitslabels — ein grünes Blatt im Kreis, ein „Eco”-Stempel ohne externe Kontrolle — dürfen nicht mehr in der Produktkommunikation erscheinen.
- Zukunftsversprechen wie „Wir sind bis 2030 klimaneutral” sind nur noch zulässig, wenn ein extern validierter Transitionsplan mit konkreten Zwischenzielen vorliegt.
Die Regeln gelten dort, wo Kaufentscheidungen fallen: auf Verpackungen, in Onlineshops und in stationären Geschäften. Unternehmenswebseiten sind indirekt mitbetroffen.
„Klimaneutral”-Verbot: Warum CO₂-Kompensation als Werbebasis nicht mehr reicht
Bisher war die Verwendung vager Begriffe wie „grün” oder „nachhaltig” eine rechtliche Grauzone. Damit ist bald Schluss. Statt „grüne Verpackung” müssen Unternehmen künftig konkret benennen: etwa „Papier aus 100 Prozent recyceltem Material”.
Das Kompensationsmodell, das hinter vielen „klimaneutral”-Versprechen steckt, ist seit Jahren umstritten. Unternehmen zahlten Beträge an Projekte, die Emissionen anderswo vermeiden oder binden sollten — und vermarkteten ihre Produkte danach als klimaneutral. Welche tatsächliche Wirkung diese Projekte hatten, war für Verbraucher kaum nachvollziehbar. Der Bundesgerichtshof hatte bereits 2024 entschieden, dass Unternehmen in Deutschland selbst erklären müssen, was hinter dem Begriff steckt. Die EmpCo-Richtlinie vereinheitlicht und verschärft diese Anforderungen nun EU-weit.
Außerdem untersagt die Richtlinie, Umweltaspekte hervorzuheben, die nur einen Teil eines Produkts betreffen — wenn dadurch der falsche Eindruck entsteht, das gesamte Produkt sei ökologisch vorteilhaft. Die Logik ist klar: „Allgemeine grüne Phrasen vernebeln den tatsächlichen Vorteil eines Produkts”, so Steybe.
Bekannte Siegel unter Druck: Was mit „Pro Planet” und „Hand in Hand” passiert
Nachhaltigkeitssiegel müssen ab September auf einem extern überwachten Zertifizierungssystem basieren oder von einer staatlichen Stelle vergeben werden. Das bisherige Modell, bei dem Unternehmen selbst ein Siegel entwarfen und auf ihren Produkten abdruckten, ist nicht mehr erlaubt.
Beliebte Eigensiegel geraten dadurch erheblich unter Druck. Rewes „Pro Planet”-Label kann die Anforderung an ein entsprechendes Zertifizierungssystem nur eingeschränkt erfüllen, erklärt Steybe. Rapunzels „Hand in Hand”-Siegel hingegen beruhe auf klar definierten Kriterien mit unabhängiger Kontrolle — hat also bessere Voraussetzungen.
Doch auch für „Hand in Hand” gibt es einen entscheidenden Haken: Die EmpCo-Richtlinie verlangt, dass solche Systeme allen Marktteilnehmenden offenstehen. Rapunzel müsste das Siegel grundsätzlich auch anderen Unternehmen zugänglich machen. Auf eine Anfrage vom März 2026 teilte das Unternehmen mit, sich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen — konkrete Angaben zur Zukunft des Labels machte es nicht. Einige Eigensiegel könnten ab September schlicht aus den Regalen verschwinden.
Wie gut Unternehmen vorbereitet sind — und warum „Greenhushing” das neue Risiko ist
Das Bild ist gemischt. Steybe berichtet, dass SAIM derzeit sehr viele Anfragen erhält. Manche Unternehmen — besonders aus der Modeindustrie — arbeiten seit Jahren an der Überarbeitung ihrer Kommunikation. Andere, vor allem aus dem Bereich der schnelldrehenden Konsumgüter, fangen gerade erst an.
Neben mangelndem Bewusstsein warnt Steybe vor einer übervorsichtigen Gegenreaktion: dem sogenannten Greenhushing — dem vollständigen Rückzug aus jeder umweltbezogenen Kommunikation aus Angst vor Abmahnungen. „Was ab September ansteht, stellt die gängige Marketingpraxis auf den Kopf — da braucht es neue Ansätze und Ideen”, sagt er. Unternehmen, die legitime Nachweise erbringen können, würden durch den Rückzug der anderen sogar sichtbarer. Der Druck ist also auch eine Chance — für die, die wirklich etwas vorzuweisen haben.
Greenwashing erkennen: Woran Verbraucher verlässliche Siegel vor September und danach erkennen
Auch bis zum Stichtag und wohl noch einige Zeit danach gilt: wachsam bleiben. Steybe ist deutlich: „Grafische Ausgestaltungen im Grünton in Kombination mit allgemeinen Begriffen wie ‚nachhaltig’ sind ein absolutes Warnsignal.”
Wer ein Siegel auf seine Verlässlichkeit prüfen will, sollte laut Steybe zwei Fragen stellen: Erstens, gibt es klare Informationen über den Urheber und die Bewertungslogik? Zweitens, wird diese Logik extern überprüft? Auf einen Blick lässt sich das meist nicht beantworten — eine kurze Online-Recherche ist nötig.
Welche Siegel nach September verlässlich bleiben
Wer auf der sicheren Seite sein will, kann sich an staatlich anerkannte Labels halten. Der Blaue Engel, das EU-Ecolabel und das Bio-Siegel basieren auf klar definierten Kriterien mit externer Kontrolle — sie seien auch nach September verlässliche Orientierungspunkte, betont Steybe.
„Im Siegelwald wird endlich aufgeräumt”, sagt er. Ob alle kritischen Labels bis zum Stichtag vom Markt verschwunden sind, bezweifelt er allerdings: „Dass alle kritischen Siegel ab September selbstständig vom Markt verschwunden sind, wage ich zu bezweifeln.” Ein kritischer Blick bleibt Verbraucherinnen und Verbrauchern also auch nach dem 27. September nicht erspart.
Was die EmpCo-Richtlinie wirklich bringt — und was sie nicht lösen kann
Steybes Gesamturteil ist ehrlich: „Ein klares Jein.” Die neuen Anforderungen erzwingen mehr Transparenz. Wer Nachweise hat, kann diese kommunizieren — und wird damit unterscheidbarer von Wettbewerbern ohne belegbare Nachhaltigkeitsleistungen.
Gleichzeitig rechnet er mit deutlich weniger Umweltbotschaften von Unternehmensseite, zumindest kurzfristig. „Gleichzeitig gibt es klar die Tendenz, dass Unternehmen erstmal ins Greenhushing verfallen und Leistungen verschweigen — vor Angst, abgemahnt zu werden. Es wird spannend zu sehen sein, was und in welcher Form im Jahr 2027 dann sichtbar sein wird”, so Steybe.
Wie schnell und konsequent Hersteller die Richtlinien umsetzen, wird erst die Praxis zeigen — und die Frage, wie aktiv deutsche Behörden die neuen Regeln durchsetzen werden.



