Wer nach Mitte September zur Gartenschere greift, riskiert Frostschäden, Blütenverlust und geschwächte Pflanzen – so lautet die klare Einschätzung von Hansjörg Haas, Diplom-Gartenbauingenieur und Buchautor aus Herbolzheim. Die Schnittsaison für die meisten Bäume und Sträucher beginnt erst Mitte bis Ende Januar.
Offene Wunden bis in den Mai: Warum der Herbstschnitt schadet
„Wenn man nach Mitte September Gehölze schneidet, kann die Wunde sich nicht mehr natürlich schließen“, erklärt Haas. Die Schnittstellen bleiben dann bis in den Mai ungeschützt und machen die Pflanze anfällig für Kälte, Schädlinge und Krankheiten.
Haas empfiehlt, im Herbst nur Zweige zu entfernen, die in den Weg hängen oder durch Schneebruch gefährdet sind. Alles andere sollte warten. Wichtig dabei: Nur sauberes und scharfes Schnittwerkzeug verwenden, um glatte Schnitte zu erzielen und die Übertragung von Krankheiten zu vermeiden.
Hinzu kommt eine weitere Funktion älterer Äste: „Das vorhandene ältere Astgerüst ist in den Wintermonaten Frost- und Sonnenschutz für die erwünschten Triebe“, so Haas. Wer diese Äste zu früh entfernt, riskiert, dass junge Triebe frieren oder vertrocknen.
Frühjahrsblüher verlieren ihre Blüten
Ein Herbstschnitt schadet auch den Frühlingsblühern. Pfeifenstrauch, Forsythie, Flieder und Haselnuss haben die Blütenknospen für das kommende Jahr bereits angelegt. Wer die Triebe jetzt kürzt, schneidet diese Blüten unweigerlich weg.
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Dasselbe gilt für Bauernhortensien, Zierkirschen, Winterblüte und Glockenhasel. Bei diesen Gehölzen bleibt die Schere jetzt ruhen; der Pflegeschnitt erfolgt nach der Blüte im kommenden Jahr – unter Berücksichtigung der Nistaktivitäten der Vögel.
Ab Mitte Januar: So läuft der Schnitt richtig ab
Sind die trockenen Blätter abgefallen, lässt sich das Astgerüst gut einsehen. An frostfreien Tagen beginnt man mit unempfindlichen Gehölzen wie Hainbuche, Liguster, Apfel und Birne. Zuerst wird trockenes Holz sowie beschädigte oder bedrängte Äste entfernt, solange in den Gefäßen noch keine Reservestoffe nach oben transportiert werden.
Das Ziel unterscheidet sich je nach Pflanzenart: Bei Obstgehölzen soll Licht in die Krone und an die Früchte kommen, bei Sträuchern die Vitalität erhalten bleiben, bei Zierbäumen Luft und Licht ins Astgerüst gebracht werden.
Empfindlichere Gehölze wie Hibiskus, Lavendel, Sommerflieder und Pfirsich sind erst Ende Februar bis März an der Reihe. Öfter blühende Rosen werden sogar erst im März geschnitten: Der Rosenstock wird dabei deutlich gekürzt, vorhandener Neuaustrieb ebenfalls entfernt. Schlafende Augen werden durch den Saftstrom aktiviert und treiben innerhalb weniger Wochen kräftig aus. Wer Rosen im Herbst stark zurückschneidet, riskiert Frostschäden.
Hausmeisterschnitt vermeiden – Sträucher von innen erneuern
Viele Gartenbesitzer schneiden Sträucher Jahr für Jahr nur an den Spitzen halbrund – der sogenannte Hausmeisterschnitt. Das Ergebnis nach einigen Jahren: Die Sträucher verkahlern von innen, vergreisen und blühen weniger.
Haas empfiehlt stattdessen, regelmäßig ein Viertel bis ein Drittel der ältesten Bodentriebe an der Basis zu entfernen. So bleibt die Pflanze über Jahre locker und luftig – und der Aufwand ist laut Haas geringer als beim Spitzenschnitt.
Bei Obstbäumen wie Apfel und Birne gilt außerdem: Ein kräftiger Rückschnitt erzeugt zahlreiche Wassertriebe, die zulasten der Ernte wachsen. Auch die Feige versucht, starken Verlust auszugleichen. Besser ist es, über den Sommer behutsam einzelne Äste herauszuschneiden, um Licht an die Früchte zu bringen.
Formhecken und Tierschutz: Was im Herbst erlaubt bleibt
Formale Hecken aus robusten Arten wie Buche, Hainbuche, Feldahorn oder Eibe dürfen im Herbst nachgeschnitten werden, wenn saubere Konturen im Wintergarten gewünscht sind. Diese Gehölze vertragen den Schnitt gut.
Dichte Hecken, alte Sträucher sowie stehen gelassene Gräser und Stauden bieten Vögeln, Igeln und Insekten Schutz und Futter für den Winter. Wer zu früh und zu radikal schneidet, zerstört diese Lebensräume. Schnittgut kann im Garten liegengelassen oder als Totholzhecke gestapelt werden, um einen natürlichen Unterschlupf zu schaffen.
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