Du sitzt beim Hausarzt, bekommst deinen Laborbericht und schaust auf die vertrauten Zeilen: Cholesterin, Blutzucker, Schilddrüse. Alles geprüft, alles abgehakt. Was auf dem Zettel aber so gut wie nie auftaucht, ist ein Wert, der bei jedem fünften bis dritten Menschen in Deutschland aus dem Ruder läuft — und das völlig unbemerkt.
Die Rede ist von Lipoprotein(a), abgekürzt Lp(a). Ein Blutwert, der genetisch festgelegt ist, durch Ernährung oder Sport nicht verändert werden kann und trotzdem über das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Gefäßverkalkung mitentscheidet. Warum er so selten gemessen wird, was ein erhöhter Wert konkret bedeutet — und was sich dagegen tun lässt.
Was Lipoprotein(a) im Blut überhaupt macht
Lipoprotein(a) ist ein Bestandteil des Blutes, der in seinem Aufbau dem „schlechten” LDL-Cholesterin ähnelt. „Es ist wie das LDL-Cholesterin aufgebaut”, erklärt Anja Vogt, Fachärztin für Innere Medizin, stellvertretende Vorsitzende der DGFL – Lipid-Liga und Leiterin der Lipidambulanz am LMU-Klinikum in München. Der entscheidende Unterschied: An Lp(a) ist zusätzlich ein Eiweißmolekül gebunden, das sogenannte Apolipoprotein(a).
Lipoproteine lassen sich laut der DGFL mit „Lasttaxis” vergleichen — sie transportieren Fett und fettähnliche Substanzen durch den Blutkreislauf. Wie viel davon zirkuliert, ist dabei nahezu vollständig genetisch bestimmt. „Wahrscheinlich hatte Lipoprotein(a) einst eine physiologische Rolle, brachte vielleicht sogar einen evolutionären Vorteil, heute allerdings hat es keinen bekannten Nutzen”, so Vogt.
Warum ein hoher Lp(a)-Wert das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko erhöht
Zirkuliert zu viel Lp(a) im Blut, lagert es sich — ähnlich wie LDL-Cholesterin — in die Arterienwände ein. Die Folgen sind gravierend: erhöhtes Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und periphere arterielle Verschlusskrankheit, also Durchblutungsstörungen in den Beinen. „Letztlich kann jede Arterie davon betroffen sein, zum Beispiel in der Niere, oder auch die Aortenklappe”, sagt Anja Vogt.
Dazu kommt ein weiterer Mechanismus. „Bei einem höheren Wert bilden sich schneller Gerinnsel und lösen sich langsamer auf”, erklärt Norbert Smetak, erster Vizepräsident des Berufsverbands Deutscher Internistinnen und Internisten (BDI). Lp(a) wirkt zudem entzündungsfördernd — ein Effekt, der sich noch verstärkt, wenn weitere Risikofaktoren wie Rauchen hinzukommen. Die Krankheitsverläufe sind dabei individuell sehr verschieden: Manche Menschen mit erhöhten Werten erleiden schon in vergleichsweise jungen Jahren Herz-Kreislauf-Ereignisse, andere bleiben lange ohne Beschwerden.
Ab welchem Wert wird Lipoprotein(a) gefährlich?
Hier gibt es eine wichtige Besonderheit: Es existieren zwei verschiedene Messmethoden, die nicht direkt vergleichbar oder ineinander umrechenbar sind. Norbert Smetak gibt einen Überblick über die Grenzwerte:
- Normalwert: unter 30 mg/dl bzw. unter 75 nmol/l
- Moderates Risiko: zwischen 30 und 50 mg/dl bzw. 75 bis 105 nmol/l
- Erhöhtes Risiko: über 50 mg/dl bzw. über 105 nmol/l
- Sehr hohes Risiko: ab 180 mg/dl bzw. ab 430 nmol/l
„Je höher der Wert, desto höher das Risiko”, fasst Smetak zusammen. Entscheidend ist allerdings immer das Gesamtbild: „Vor allem in Kombination mit einem hohen LDL-Cholesterinwert oder Bluthochdruck erhöht sich die Chance auf beispielsweise einen Herzinfarkt”, so Smetak. Lp(a) allein sagt also noch nicht alles — aber es ist ein Puzzlestück, das viele Ärzte bislang gar nicht erst einlegen.
Wer den Test zahlt — und was er kostet
Ob die gesetzliche Krankenkasse die Kosten übernimmt, hängt vom Einzelfall ab. Liegt in der Familie bereits eine Vorgeschichte mit Herzinfarkten oder Schlaganfällen vor, ist eine Kostenübernahme laut BDI oft möglich. In anderen Fällen muss man den Test selbst bezahlen — die Kosten belaufen sich je nach Labor meist auf unter 25 Euro. Die Frage der Kostenübernahme sollte man am besten vorab direkt mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt klären.
Und wie oft muss der Wert kontrolliert werden? Einmal reicht. „Da die Größe des Lipoproteinpartikels zu großen Teilen genetisch bedingt ist, muss man ihn in der Regel nur einmal im Leben bestimmen lassen. So empfehlen es auch die Leitlinien”, sagt Anja Vogt. Das macht den Test zu einer der einfachsten und günstigsten Vorsorgeuntersuchungen überhaupt.
Was ein zu hoher Wert bedeutet — und was sich tun lässt
Der Wert lässt sich weder durch Ernährung noch durch Sport senken — das ist die unbequeme Wahrheit. Einen medikamentösen Königsweg gibt es bislang ebenfalls kaum. Die einzige etablierte Methode zur direkten Senkung des Lp(a)-Spiegels ist die sogenannte Lipidapherese, eine Art Blutwäsche, die wegen ihres hohen Aufwands jedoch nur in Extremfällen eingesetzt wird. Ist gleichzeitig das LDL-Cholesterin erhöht, können Statine diesen Wert und damit das Gesamtrisiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken.
Es gibt aber Grund zur Zuversicht. „Medikamente, die gezielt Lipoprotein(a) senken können, befinden sich in der letzten Phase klinischer Studien”, berichtet Norbert Smetak. Bis dahin gilt: andere beeinflussbare Risikofaktoren konsequent angehen. „Gesunde Ernährung, Verzicht auf Tabak und Alkohol, viel Bewegung und Muskeltraining sowie ein gesundes Körpergewicht verringern die Relevanz des Wertes enorm”, erklärt Anja Vogt. Das klingt nach Standard-Ratschlag — ist aber bei erhöhtem Lp(a) tatsächlich wirksamer Hebel.
Wie verbreitet ist das Problem wirklich?
Deutlich verbreiteter, als die meisten vermuten. „Rund 20 bis 30 Prozent aller Menschen haben zu hohe Lipoprotein(a)-Werte — dieses Problem ist also keineswegs selten und betrifft viele Menschen”, stellt Norbert Smetak klar. Das bedeutet: In Deutschland trägt statistisch gesehen jede dritte bis fünfte Person ein erhöhtes Risiko im Blut — ohne es zu wissen, ohne je danach gefragt worden zu sein.
Wer stark erhöhte Werte oder bereits Gefäßablagerungen hat, sollte regelmäßig bei der Ärztin oder beim Arzt nachfragen, ob es neue Therapieoptionen gibt — denn in diesem Forschungsfeld könnte sich in den nächsten Jahren einiges bewegen.



